An der Oberfläche

»Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol. Wer unter die Oberfläche dringt, tut es auf eigene Gefahr.«

Oscar Wilde (1854–1900) in der Vorrede zu »Das Bildnis des Dorian Gray«

Also lebt die Familie der Gerridae, besser bekannt als »Wasserläufer« recht ungefährdet, denn aufgrund der Beschaffenheit ihrer Beine drücken sie die Wasseroberfläche zwar minimal ein, bewegen sich aber in Konkurrenz zu Jesus recht flott über den See, ohne auch nur einmal einzusinken. Allerdings bleiben sie auf diese Weise zeitlebens ignorant ob der Schönheit der Tiefe, mehr noch, dass es überhaupt unter ihren Füßen weitergeht, bleibt ihnen komplett verborgen.

Oscar Wildes Thesen, die er in der Vorrede zum Dorian Gray aufstellt, sind – Entschuldigung! – wirklich wild, heißt es doch dort weiter: »Die einzige Entschuldigung für die Schaffung eines unnützen Kunstwerks besteht darin, dass man es unendlich bewundert. Alle Kunst ist völlig unnütz.«

An der Bedeutung dieser Worte grüble ich seit Jahrzehnten immer mal wieder herum. Gerade der Schluss: provokativ oder gar resignativ…? In jedem Fall: Inspirativ für mich, habe ich doch schon vor mehr als zwanzig Jahren ein vielschichtiges Kunstwerk geschaffen: eine Schlange, die statt Schuppen auf ihrem Körper diesen Text trägt, in die Oberfläche gekratzt, das darunterliegende Blutrot freilegend. Ich möchte an dieser Stelle den Symbolgehalt definitiv nicht plattwalzen, möge die Betrachterin oder der Betrachter etwas davon mitnehmen oder – da wäre ich großzügig – die »Oscar-Wilde-Schlange« einfach ungehemmt und unendlich bewundern.

Was als reine Übung im Bereich der Acrylmalerei gelten könnte (in meinen Kursen bringe ich diese Technik der Farbschichtung durchaus regelmäßig meinen Teilnehmerinnen näher) spielt natürlich gezielt mit dem Begriff der Oberfläche, um die Assoziation zur Oberflächlichkeit nahezulegen. Womit ich dann beim eigentlichen »Zünder« für diesen Beitrag wäre, und mir ist nicht erst seit heute klar, warum mein Sohn mich als Meisterin der langen (unnützen) Vorrede bezeichnet…

Denn es stellt sich mir, nein: Ich stelle mir/ich stelle mich selbst immer wieder die/in Frage (bin ich etwa auch die ungekrönte Königin der viel-sagen-wollenden Schachtelsätze?): Kann das, was ich hier regelmäßig in meinem Blog veröffentliche, überhaupt mehr sein als oberflächliches Geplänkel, Allgemeinplätze, Common Sense oder Binsenweisheiten? So ein kleines, kurzes Format – nicht zu viel schreiben, damit die Leser nicht überstrapaziert werden, nicht zu wenig, um genau dem Vorwurf der mühe-losen Banalität entgegenzuwirken? Und warum überlege ich überhaupt schon wieder, was »jemand« denkt? (Wer mich ein bisschen besser kennt, weiß, dass ich mich beständig selbst überprüfe, und häufig auch das eine Mal zuviel, bis es nervt.)

Warum also schreibe ich hier? Um den Wasserläufern zu beschreiben, was sie sähen, wenn sie tauchen könnten? Vielleicht – auch wenn ich selbst ja gar nicht weiß, wie tief es eigentlich runter geht, und dunkel ist es da außerdem, kann mal jemand für mich Licht machen? Ich schreibe zur Selbstvergewisserung, ich mag Worte und Wörter. Ich schreibe, um Gedanken zu teilen, die jede/r andere auch hat oder mindestens haben könnte, erreiche vielleicht Gleichgesinnte und hoffentlich Andersdenkende und das alles ist gut. Wenn wir uns gegenseitig immer ein bisschen unter unsere Oberfläche gucken lassen, verstehen wir uns nicht nur besser, sondern erweitern gleichzeitig unseren Horizont – hinter dem es nicht nur von Udo behauptet immer weitergeht.

An der Oberfläche mag es spiegeln, glitzern und glänzen, und das anzuschauen macht wirklich Freude… aber wir müssen auch das Schlammige, Undurchsichtige betrachten, wenn tief unten im Finstern gegründelt und Dreck aufgewirbelt wurde – im Leben wie in der Kunst. Also kratzt und taucht, schabt ab, hebt hoch, guckt drunter und deckt auf!

»Oscar-Wilde-Schlange«, 2003, Acrylmalerei/Mischtechnik auf Nessel, 90 x 30 cm,

Malzeit!

»Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.«

Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916)

Ich frage mich, »wann ich zoletz e Bild jemohlt hann«, BAP lässt grüßen. Nicht nur, weil ich in Köln geboren bin, sondern weil ich tatsächlich überlegen muss, wann ich neben meiner notwendigen Auftrags- und Kursarbeit das letzte Mal frei mit Farbe hantiert habe. Ist wirklich länger her – und mit Worten gespielt? Dito! Die zeitliche Lücke zum letzten Blogbeitrag macht es deutlich.

Hielte ich mich an die Anforderungen diverser Ärzte und Ratgeber, wären meine Tage ohnehin schon sehr gefüllt – allein im Gesundheitsbereich mit Meditation, Yoga & Sport. Nicht zu vergessen: Darmsanierung, Hautpflege, Benutzen von Zahnseide, Faszientraining, Haarkuren, Gehirnjogging, Augenbrauenzupfen. Fügen wir noch die Zubereitung von mehreren gesunden Mahlzeiten mit eigenem Gemüseanbau, Schnippeln und Dünsten hinzu und im Nu wären die Tage angemessen verplant. Den »Rest« kriegt man doch ganz bestimmt Arbeit gefüllt?

Das heißt für künstlerische Freiberuflerinnen (nach dem beinahe obligatorischen Brotjob): Anfertigung von Auftragsarbeiten (alles vom Entwurf bis zur Rechnungsstellung) und leider nachrangig kommt erst die freie Tätigkeit und deren Vermarktung auf Ausstellungen, mit Flyern und Postkarten und Pflegen der Homepage. Unabdingbar heutzutage: Präsentation und »Netzwerken« in Social Media. In meinem Kopf summt die Band Genesis: »Follow you, follow me«. Sehen und gesehen, liken und geliked werden.

Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, wenn nicht gar die beständig geäußerte Forderung, ehrenamtlich tätig zu sein und Kunst für den guten Zweck jederzeit kostenlos, aber doch zeitfressend zur Verfügung stellen – was ich im Laufe der Jahre häufig (weniger für mein eigenes Image, als für eine wirklich gute Sache) getan habe. Hier wird mit Meldungen in der Presse und Reichweite in den sozialen Medien kalkuliert, was mir persönlichkeitsbedingt aber kaum liegt. Manche/r mag es nicht glauben, da ich mir eine geschickte farbliche Tarnung zu gelegt habe – aber Lautsprechen über mich selbst kostet mich anhaltend Überwindung. In der Welt von Instagram & Co. muss man hingegen regelmäßig aktiv sein, um als Einzelkünstlerin gesehen zu werden und das Handy oder Tablet am besten erst unmittelbar vor dem Schlafengehen aus der Hand legen.

Ungeduldig, wie ich bin, packt mich eine nervöse Unruhe, wenn ich schon länger nicht gemalt oder gezeichnet, etwas »geschaffen« habe, das noch-nie-dagewesen ist. Hält dieser Zustand gar länger an, werde ich wahlweise traurig, ärgerlich, resignativ oder melancholisch… und habe doch bis zum heutigen Tage als Stehauf-Frauchen immer wieder beherzt angefangen! Dabei spielt ein Faktor eine entscheidende Rolle: Egal, wie aktiv ich bin, wie viel ich auch sonst arbeite – meine Legitimation als Künstlerin glaube ich mir nur durch aktuelle Werke zu verdienen. Eine bloße Verwaltung meines Œuvres scheint mir selbst zu wenig, auch wenn ich auf so manches Werk zufrieden schaue mit dem ungläubigen Gedanken: »Ist das tatsächlich von mir?« Zeitlicher Abstand lässt mich mit einem distanzierteren, aber immer noch kritischen Blick urteilen, und es gibt zu meinem eigenen Erstaunen doch viel von meiner Hand, was ich mit »Daumen hoch!« gelten lassen kann.

Zurück zur Malzeit: Es muss möglich sein, Augenbrauen zupfen sein zu lassen und sich die Zeit für Kunst einfach zu nehmen! Je nach Größe der Leinwand kann die Pinselbewegung in Sport ausarten, die Konzeption der Kunst das Gehirnjogging ersetzen und notfalls wird halt einfach eine knallorange Karotte abgebildet: wenn das mal nicht gut für die Augen ist!?

Ein Musenkuss darf nicht ignoriert werden, um zum Eingangszitat zurückzukehren, wer weiß, wann sie wieder gnädig die Lippen spitzt? Also rauf mit mir ins Atelier, um die Zeit zu nutzen, in der ich kann, was ich später nicht mehr könnte!

(Meine schönsten Palettenuhren entstehen aus gebrauchten Malpaletten!            Neue sind in Arbeit und gehen demnächst in den Verkauf.)

Ist das Kunst oder kann das… jeder?

»Kunst ist Revolte«

Jean Tinguely (1925-1991)

In meinem vorletzten Beitrag streifte ich am Rande die Definition von Kunst mit der Ankündigung, mich diesem Thema gesondert widmen zu wollen. Niemand wird ernsthaft erwartet haben, dass ich diese Gretchenfrage der bildenden Kunst kompetent und endgültig werde beantworten können, ich selbst am allerwenigsten…

Was mich allerdings umtreibt: Sie wird aus meiner Sicht allzu häufig falsch beantwortet, nämlich in Variation der folgenden Statements: »Kunst entsteht im Auge des Betrachters.« »Wenn die Künstlerin sagt, sie macht Kunst, dann ist es auch welche.« »Jeder Mensch ist ein Künstler.« (Selbstredend weiß ich, wer Letzteres gesagt hat, aber dazu später mehr.)

Im DuMont Verlag erschien im Jahr 2000 die von Andreas Mäckler herausgegebene Zitatensammlung »1460 Antworten auf die Frage: Was ist Kunst?« Auch das Eingangszitat des von mir sehr geschätzten Schweizer Künstlers ist dabei, und so kann sich jeder nach der Lektüre die für ihn zutreffende Definition auf ein Kissen sticken und zufrieden sein Haupt darauf betten: Frage beantwortet!

Ich stimme selbstbewusst in den Chor ein, indem ich meinen Erzeugnissen das Label »Kunst« verpasse… aber eben nur einem Teil davon. Der flott gemalte Mohn bekommt es nicht, nicht die lichtdurchflutete Landschaft oder meine Auftragsportraits. Meine Serie »Retrospektive« zum Beispiel hingegen schon.

Ach, und wieso? Ist doch auch nur handwerklich gute Ölmalerei? D’accord! Allerdings liegt hier ein Konzept zugrunde. Die akribisch gemalten Rückseiten von Keilrahmen tragen Titel wie: »Toskanalandschaft«, «Calla« oder (siehe Bildausschnitt oben) »Afrikanische Landschaft mit Giraffe«. Da entstehen doch Bilder! Richtig, das war Absicht. Die so oder ähnlich betitelten Gemälde hat man in variabler Qualität auf Hobbykünstlerausstellungen, in Rathäusern, Restaurants und Arztpraxen (und überall sonst, wo man als »kleiner« Künstler seine Kunst umsonst aufhängen darf) so oft gesehen, dass man sie auf der Stelle nicht nur vor Augen hat, sondern direkt nachmalen könnte, selbst mit wenig Talent.

Bevor jetzt meine sehr geschätzten Malschülerinnen im malerischen Dreieck springen: So böse wie das klingt, meine ich das gar nicht, im Gegenteil! Wie schon erwähnt unterrichte ich von Herzen gern. Ich wertschätze das, was meine Kursteilnehmer anfertigen, als das, was es ist – ohne es sofort KUNST (großgeschrieben!) nennen zu müssen. Zunächst einmal ist es hoch zu schätzendes Handwerk – den Schritt zur KUNST gehen tatsächlich später manche, aber eben nicht alle. Die Gemälde und Zeichnungen stellen allerdings einen wirklichen, eigenen Wert dar: Für die persönliche Fortentwicklung, für die Seele, die heimische Wanddekoration oder als Geschenk. Woher rührt der Zwang, das Ganze nur honorieren zu können, wenn das Etikett KUNST drangeklebt wird? Sind Künstler die besseren Menschen? Wollen wir deshalb unbedingt Joseph Beuys so verstehen, dass wir alle »Künstler« sind, weil dann endlich alle gleich toll und wichtig sind?

Im SPIEGEL von 1984 wird Beuys ein wenig präziser, was er mit seinem Satz gemeint hat: »Jeder Mensch ist ein Träger von Fähigkeiten […]. Er ist ein Künstler, ob er nun bei der Müllabfuhr ist, Krankenpfleger, Arzt, Ingenieur oder Landwirt.« Aha! Lassen wir das einmal sacken (und freuen uns nebenbei über die letztgenannte Berufsgruppe, die aktuell um Anerkennung ringt) und stellen fest: Jeder ist also in dem Bereich Künstler, wo er oder sie sich auskennt? Was sie gelernt hat? Wo er Expertise besitzt, Erfahrung und Fachwissen? Das ist doch mal eine Aussage, die mir einleuchtet. Gerade weil mir nicht nur während der Corona-Pandemie, sondern auch durch persönliche Erfahrungen im letzten Jahr vor Augen geführt wurde, welch großartigen Job alle im Bereich der Medizin und Pflege machen – und was sie können, was ich nicht kann. Als nicht-systemrelevant zu gelten fand ich damals zwar hart, hat mir aber unmittelbar eingeleuchtet.

Unendlich traurig finde ich deshalb die vielen geschönten Biografien, die mir auf Gruppenausstellungen im Laufe der Jahre begegnet sind, in denen beispielsweise Seminar und Malreisen zu »Kunststudium« und »Auslandsaufenthalten« umdeklariert werden (was leider durch kurze Internetrecherche direkt auffliegt) und erst Recht die – man muss es schon so nennen – Herabwürdigung von »studierten Künstlern« (indem man u.a. genau das tut: Anführungszeichen setzen). Tatsächlich habe ich mehr Respekt vor einer künstlerischen Leistung, wenn die Person, die es geschaffen hat, sich zum Autodidaktentum bekennt und nicht andere heruntermachen muss, um das eigene Tun aufzuwerten.

Das Werk steht doch für sich, befragen wir es also: Ist es Kunst, weil revolutionär, um auf Tinguely zurückzukommen? Hat man so etwas noch nie gesehen, steht ein Konzept dahinter, das nicht nur reproduktiv, sondern schöpferisch ist? Ist es neu, rührt es an, macht es etwas Unsichtbares sichtbar? Macht es im besten Sinne aufmerksam? Ist das Objekt nach Bejahung der einen oder anderen Frage KUNST, ist die Schöpferin eine Künstlerin, der Macher ein Künstler, so viel ist sicher.

Ich gebe zu: Damit habe ich die Frage »Was ist Kunst?« natürlich nicht ansatzweise beantwortet. Ich hoffe mir bleibt die Zeit, mich dem zu nähern – und vielleicht ist die Gültigkeit jeder Antwort ohnehin von vornherein zeitlich beschränkt. Hat doch Emil Nolde (1867-1965) behauptet: »Kunst ist im höchsten Ausmaß eine männliche Funktion.« Vermutlich die Definition mit der allerkürzesten Halbwertszeit und nicht sein einziger gedanklicher Totalausfall, wie hinlänglich bekannt sein dürfte.

AFRIKANISCHE LANDSCHAFT MIT GIRAFFE

Von Kunst leben

»DER PRINZ. Guten Morgen, Conti. Wie leben Sie? Was macht die Kunst?

CONTI. Prinz, die Kunst geht nach Brot.«

Gotthold Ephraim Lessing »Emilia Galotti«

Beim Aufräumen stieß ich auf eine Arbeit aus meiner Ausbildungszeit. »Schummern« übte ich mit dem Abzeichnen eines Fotos der »Kleinen Meerjungfrau« in Kopenhagen. Selbstredend ist es keine Kunst, sondern lediglich eine handwerkliche Technik, den Graphitstift in kreisenden Bewegungen so übers Papier gleiten zu lassen, dass nach und nach der Eindruck von Dreidimensionalität entsteht.  

Weil das allerdings der Neunzehnjährigen aus ihrer Sicht ganz ansprechend gelungen war, rahmten meine Eltern das Blatt ein. Nachdem ich im Laufe der Jahre meine Fähigkeiten ausbaute, landete diese Fingerübung irgendwann im Keller, wo ich sie jetzt in verändertem Zustand fand. Das Papier war an mehreren Stellen gründlich zerfressen. Ich habe keine Ahnung, was sich da durchs Blatt genagt hat, der Zahn der Zeit (denn die kleine Raupe Nimmersatt wird’s nicht gewesen sein)? Angesichts der vielen kleinen Löchlein machte ich aber doch eine Art Insekt verantwortlich – und ein solidarisches Mitgefühl mit dem kleinen Ding flammte in meinem Herzen auf, versuchte es doch genau wie ich von der Kunst zu leben.

Während der anonyme Papierfresser sich allerdings auf sehr direktem Wege den Bauch vollschlagen konnte, muss ich von je her erst eine magische Wandlung von Mixed-Media-Werken auf variablem Bildträger ins Medium Geld vollziehen. Ich wünschte, ich würde mich an das erste Mal, an meinen ersten Verkauf erinnern! Kleine, eher banale Zeichnungen habe ich schon zu Schulzeiten verkauft, an Freunde oder Kollegen meiner Eltern… in meinen Teenager-Augen wagemutig: ohne eine Rechnung zu stellen, mich hochstaplerisch fühlend gepaart mit diffuser Angst vor dem Finanzamt. Hui, wenn das von meinen dunklen Machenschaften Wind bekäme!

Als Nebenbei-Verdienst ist Kunst-Verkauf sehr angenehm – aber es braucht Chuzpe, seinen kompletten Lebensunterhalt mit und von der Kunst bestreiten zu wollen. Das war mir bei der Berufswahl bewusst, aber mit gespitzten Stiften und geschulterten Pinseln fühlte ich mich dem fröhlich gewachsen. Wie oft ich im Laufe der Jahre geflucht habe? Ungezählt! Wieviele Umschulungen ich erwogen habe? Reichlich! Wie wertvoll mir hingegen die Freude meiner Auftraggeber und Malschüler ist? Unbezahlbar! Was mir das Malen und Zeichnen bedeutet? Mein Leben!

Es ist nur ein paar Wochen her, dass wieder einmal jemand im direkten Gespräch mit mir meinte, sich über das Niveau von Volkshochschulkursen lustig machen zu müssen – und wohl für einen Moment vergessen hatte, dass auch das einer meiner bezahlten Jobs ist. Für mich ist diese Lehrtätigkeit viel mehr als das. Es ist eine wundervolle Aufgabe, andere Menschen bei ihrer künstlerischen Entwicklung zu unterstützen. Meine Strichliste der Leute, die in der Vorstellungsrunde angeben, sie hätten soooo gern beruflich etwas im Bereich der bildenden Kunst gemacht, sich aber nicht getraut, das elterliche Verbot zu ignorieren, wird länger und länger.  

Viele meiner Kolleginnen, deren Erzeugnisse ganz eindeutig die Bezeichnung Kunst verdienen, gehen wie ich selbst nebenbei Brotjobs nach. So herum ist es richtig: Sie machen nicht die Kunst nebenbei, aber diese ernährt sie leider nicht. Bei mir selbst sind die Grenzen fließend: Vom gewerblich angewandten Grafikdesign über illustrative Arbeiten hin zu künstlerischen Zeichnungen, freien Gemälden und sehr schrägen Ideen, die die Öffentlichkeit noch gar nicht registriert hat. Kunst und Kunstgewerbe in Personalunion zu verfolgen war immer eine zwielichtige Sache nahe am kriminellen Milieu in den Augen der Puristen, aber glücklicherweise verschwimmen die Grenzen immer mehr. Presse bekommen wir Künstler trotzdem nach wie vor bevorzugt dann, wenn wir einen Teil unserer Erlöse karitativen Zwecken zuführen. Für seine »Leidenschaft« auch noch bezahlt werden zu wollen ist doch geradezu unverschämt!   

In einer wahllos zusammengestellten Abendgesellschaft bekommt wirklich keine andere Berufsgruppe mehrfach oder überhaupt diese Fragenkombination zu hören: erst das smalltalkende: »Was machst Du beruflich?« gefolgt von einem vertraulich-geraunten: »Und, kannst Du davon leben?« Meine dankbare Antwort lautet stets, dass ich durchaus ohne meinen Mann davon leben können würde, aber nicht so gut wie mit ihm (und ersteres würde ich aus diversen Gründen, die uns hier nicht interessieren sollen, ohnehin nicht wollen).

Ich weiß nicht, wer’s zuerst gesagt hat, aber wenn Ihr es könnt: Support your local artist! Der Bekanntheitsgrad sagt wenig bis gar nichts über die Qualität der Kunst aus, denn gerade auf dem Kunstmarkt gilt die Devise: Gehört wird, wer am lautesten schreit. Ich kenne so viele liebenswerte, begabte, kreative und hochaktive Künstler, die mir auf diversen Ausstellungen, die wir miteinander bestritten haben, begegnet sind. Sie verdienen jede mögliche Unterstützung. Kauft nicht Namen (womöglich noch als Druck aus dem schwedischen Möbelhaus): kauft Kunst, die Euch gefällt – oder gebt mal einen Auftrag für etwas Individuelles, Noch-nie-Dagewesenes! Das macht einige mehr Künstler glücklich und vielleicht auch satt. By the way: Auch viele vermeintliche No-oder Low-Name-Künstlerinnen bieten ihre Arbeiten inzwischen als Prints an, im Bewusstsein, dass Originale nicht für jeden erschwinglich sind.

An der rechten Seite des Bilderrahmens habe ich übrigens eine kleine vertrocknete Larve (? Biologen vor!) entdeckt. Vom Zeitpunkt, als sie zwischen Glas und Rahmen geriet bis zu ihrem Tod hat sie nach meiner Einschätzung ganz vorzüglich von der Kunst leben können, sie ist auch richtig rumgekommen! Zumindest möchte ich mir das ganz gern einreden – trotzdem es zum frei fliegenden Falter bis zum Lebensende doch nicht mehr gereicht hat.

Künstlerische Intelligenz

»Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar.« 

Paul Klee (1879-1940)

KI bestimmt nicht nur einen großen Teil des Diskurses im Hinblick auf Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung – auch im Feuilleton (heißt das Online auch noch so?) wird ihre Relevanz oder der Einfluss, das Pro und Contra kontrovers diskutiert.

Wir Künstlerinnen kommen ebenfalls nicht dran vorbei: Die KI kriecht, strömt und drückt immer mehr in unseren Arbeitsbereich hinein, egal in welcher Disziplin wir tätig sind. Zugegeben: Ich schreibe hier wie die Blinde von der Farbe – was es inzwischen an technischen Möglichkeiten gibt, übersteigt schon lange das Fassungsvermögen meines kleinen analogen Hirns. Reißbrett und -schiene, Rapidographen, Markerstifte, Chromoluxkarton und Fotosatzpapier waren die Werkzeuge meiner Ausbildung. Das anschließende Studium eröffnete zu meiner Freude einen schier grenzenlosen Kosmos an Werkstoffen zum Experimentieren: Zähe, dicke und schnellfließende Farben, weiche und widerborstige Pinsel, geschmeidige Kreiden und eigensinnig hörbare Rohrfedern, Tinten und Tuschen, glänzendes Graphit und staubige Kohle. Wenn jemand im Atelier mit Ölfarben zugange war, brauchte man Atemschutz und die Malerei mit Eitempera musste ich im dritten Semester drangeben, weil ich wegen einer glücklich ungeplanten Schwangerschaft den Geruch nicht mehr vertrug. Zusammenfassendes Motto dieser Jahre: »Gib Stoff!«

Das alles brauchen die Künstlerinnen nicht mehr, die im schon beeindruckend schnell fahrenden KI-Zug sitzen. Ihr Stoff riecht nicht, fließt nicht, ist »irgendwie vorhanden« und vor allem: von anderen hergestellt und war damit im Sinne Paul Klees vorab schon sichtbar.

Ich habe (natürlich!) sowohl ein frei zugängliches Bilderzeugungsprogramm getestet als auch die neue Photoshop-Funktion »Generative Füllung« mit einem Familienfoto durchgespielt. Erschütternd! Ich habe meiner Mutter einen Vollbart verpasst, der absolut wie gewachsen aussieht. Zusammen mit einer Schürze, die von der KI sogar unter dem Kragen ihrer Bluse platziert wurde, sieht sie aus wie ein freundlicher Handwerker. Lustig. Aber ist es mehr als das? Und wäre das, mit ein bisschen mehr Zeitaufwand, mit anderen Begriffen, in anderen Kombinationen, KUNST*? Nein, würde Paul Klee sagen weil es nichts wirklich sichtbar macht, sondern lediglich neu kombiniert. Ja, sagt unbefangen der Kunstmarkt. Die Künstler, die frühzeitig von KI generierte Bilder als Fineart-Prints hergestellt oder in Öl abgemalt haben, erzielen dank wunderbar formulierter Konzepte hohe Preise. Aber stellt das auch einen Wert dar?

Seit Jahren schwirren die irren Gedanken in meinem Kopf herum – aber nun hatte ich einen konkreten Anlass, meine Überlegungen zu teilen: Zu Weihnachten erreichte mich, die ich immer auch mein Geld mit illustrativen Arbeiten verdiene, ein Online-Gruß mit KI-generiertem idyllischen Weihnachtsmotiv. Nicht nur, dass die Grüßenden vor Begeisterung sprühten über dieses im Handumdrehen nach einer Weihnachtsgeschichte »gezauberte« Bild – es wurde ausdrücklich dazu aufgefordert, es gleichzutun und der Link gleich mitgeschickt. Das brachte mich dann doch arg ins Grübeln, wie kurz ich eigentlich vor der Arbeitslosigkeit stehe.

Keinesfalls möchte ich eine Person angreifen oder in Misskredit bringen: Ich kann das Staunen durchaus verstehen – aber auf der anderen Seite absolut nicht. Hier war kein Herz am Werk, keine Imagination, keine Absicht und kein künstlerisches Vorstellungsvermögen. Einsen und Nullen, Bits und Bytes im buchstäblichen Gleichstrom und abrufbare Bilder, die irgendwann mal ein hart arbeitender Designer, eine am Rande des Existenzminimums krebsende Illustratorin, ein kreativer Fotograf oder (ja, auch das!) eine renommierte, erfolgreiche Künstlerin kreiert hat.

Ist es das, was wir wollen? Abrufen, Tasten betätigen, in Windeseile immer mehr und mehr Bilder erzeugen? Was ist mit dem künstlerischen Prozess? Was mit dem Wert eines wirklichen Konzepts, der Fähigkeit eines denkenden Menschen, Ideen zu ersinnen und in einem Werk umzusetzen?

Ich habe offensichtlich mehr Fragen als Antworten im Moment. Die Entwicklung wird rasant weitergehen und ich bin ein wenig unruhig, wo das alles noch hinführt. Zum Verlangsamen des Gedankenkarussells gehe ich mal einen Keilrahmen bespannen – notfalls hilft auch, mit beherztem Schwung Farbe auf die Leinwand zu werfen. Der körperliche Aspekt des Kunst-Werk-Erzeugens kommt nämlich noch dazu: tut häufig ganz schön gut und ist kein Vergleich zum Knöpfchen-Drücken im Sitzen.

(*An der Definition des Kunstbegriffs scheitern und scheiden sich eh die Geister – meine Materialsammlung dazu ist so umfangreich, dass es dazu einen weiteren Beitrag braucht.)