»Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol. Wer unter die Oberfläche dringt, tut es auf eigene Gefahr.«
Oscar Wilde (1854–1900) in der Vorrede zu »Das Bildnis des Dorian Gray«
Also lebt die Familie der Gerridae, besser bekannt als »Wasserläufer« recht ungefährdet, denn aufgrund der Beschaffenheit ihrer Beine drücken sie die Wasseroberfläche zwar minimal ein, bewegen sich aber in Konkurrenz zu Jesus recht flott über den See, ohne auch nur einmal einzusinken. Allerdings bleiben sie auf diese Weise zeitlebens ignorant ob der Schönheit der Tiefe, mehr noch, dass es überhaupt unter ihren Füßen weitergeht, bleibt ihnen komplett verborgen.
Oscar Wildes Thesen, die er in der Vorrede zum Dorian Gray aufstellt, sind – Entschuldigung! – wirklich wild, heißt es doch dort weiter: »Die einzige Entschuldigung für die Schaffung eines unnützen Kunstwerks besteht darin, dass man es unendlich bewundert. Alle Kunst ist völlig unnütz.«
An der Bedeutung dieser Worte grüble ich seit Jahrzehnten immer mal wieder herum. Gerade der Schluss: provokativ oder gar resignativ…? In jedem Fall: Inspirativ für mich, habe ich doch schon vor mehr als zwanzig Jahren ein vielschichtiges Kunstwerk geschaffen: eine Schlange, die statt Schuppen auf ihrem Körper diesen Text trägt, in die Oberfläche gekratzt, das darunterliegende Blutrot freilegend. Ich möchte an dieser Stelle den Symbolgehalt definitiv nicht plattwalzen, möge die Betrachterin oder der Betrachter etwas davon mitnehmen oder – da wäre ich großzügig – die »Oscar-Wilde-Schlange« einfach ungehemmt und unendlich bewundern.
Was als reine Übung im Bereich der Acrylmalerei gelten könnte (in meinen Kursen bringe ich diese Technik der Farbschichtung durchaus regelmäßig meinen Teilnehmerinnen näher) spielt natürlich gezielt mit dem Begriff der Oberfläche, um die Assoziation zur Oberflächlichkeit nahezulegen. Womit ich dann beim eigentlichen »Zünder« für diesen Beitrag wäre, und mir ist nicht erst seit heute klar, warum mein Sohn mich als Meisterin der langen (unnützen) Vorrede bezeichnet…
Denn es stellt sich mir, nein: Ich stelle mir/ich stelle mich selbst immer wieder die/in Frage (bin ich etwa auch die ungekrönte Königin der viel-sagen-wollenden Schachtelsätze?): Kann das, was ich hier regelmäßig in meinem Blog veröffentliche, überhaupt mehr sein als oberflächliches Geplänkel, Allgemeinplätze, Common Sense oder Binsenweisheiten? So ein kleines, kurzes Format – nicht zu viel schreiben, damit die Leser nicht überstrapaziert werden, nicht zu wenig, um genau dem Vorwurf der mühe-losen Banalität entgegenzuwirken? Und warum überlege ich überhaupt schon wieder, was »jemand« denkt? (Wer mich ein bisschen besser kennt, weiß, dass ich mich beständig selbst überprüfe, und häufig auch das eine Mal zuviel, bis es nervt.)
Warum also schreibe ich hier? Um den Wasserläufern zu beschreiben, was sie sähen, wenn sie tauchen könnten? Vielleicht – auch wenn ich selbst ja gar nicht weiß, wie tief es eigentlich runter geht, und dunkel ist es da außerdem, kann mal jemand für mich Licht machen? Ich schreibe zur Selbstvergewisserung, ich mag Worte und Wörter. Ich schreibe, um Gedanken zu teilen, die jede/r andere auch hat oder mindestens haben könnte, erreiche vielleicht Gleichgesinnte und hoffentlich Andersdenkende und das alles ist gut. Wenn wir uns gegenseitig immer ein bisschen unter unsere Oberfläche gucken lassen, verstehen wir uns nicht nur besser, sondern erweitern gleichzeitig unseren Horizont – hinter dem es nicht nur von Udo behauptet immer weitergeht.
An der Oberfläche mag es spiegeln, glitzern und glänzen, und das anzuschauen macht wirklich Freude… aber wir müssen auch das Schlammige, Undurchsichtige betrachten, wenn tief unten im Finstern gegründelt und Dreck aufgewirbelt wurde – im Leben wie in der Kunst. Also kratzt und taucht, schabt ab, hebt hoch, guckt drunter und deckt auf!

»Oscar-Wilde-Schlange«, 2003, Acrylmalerei/Mischtechnik auf Nessel, 90 x 30 cm,


