»Aber dennoch! dennoch! gibt es heute eine furchtbarere Verantwortung, als Maler zu sein? Gut, wirklich „gut“ malen zu müssen?«
Franz Marc (1880–1916)
Erstere Frage eines »Blauen Reiters« beantworte ich spontan mit: Ja, schlimmer ist es noch, eine Malerin zu sein! Ist es doch bis zum heutigen Tage deutlich schwieriger mit einer Karriere im Kunstbetrieb, wenn man nicht zu den Herren der Zunft zählt… so viel sich auch im Laufe eines ganzen Jahrhunderts revolutionär geändert hat, ist darauf doch Verlass, aus bekannten Gründen. Noch interessanter aber ist für mich, dass Marc diese Frage schon Anfang des letzten Jahrhunderts stellte, als weder das Medium der Fotografie noch Elektronengehirne lichtschnell die Kompetenz der Halterinnen von Pinsel, Stift & Co. bei der Bilderzeugung in Frage stellten.
Warum heute Marc? Weil ich ein paar Tage in München verbringen durfte, zum ersten Mal als denkfähige erwachsene Person (Einspruch nicht stattgegeben!). Von den Familienbesuchen der Kindheit sind mir außer der studentischen Wohnung von Tante & Onkel lebhaft der Olympiapark, meine Verlegenheit beim Gott-Grüßen und der Biergarten unter großen Bäumen in Erinnerung, wo wir unser Essen tatsächlich selbst mitbringen durften und in der Dämmerung Glühwürmchen hinterher jagten. Museumsbesuche standen damals eher nicht auf dem dem Programm, weshalb ich diese Bildungslücke nun – zugegeben: nicht vollständig! – schloss.
Folgerichtiger Spoileralarm: ich muss wiederkommen, weil ein Wochenende einfach nicht reicht »für alles«, und zudem die Neue Pinakothek bis mindestens 2030 wegen Renovierungsarbeiten geschlossen bleibt. Aber Alte Pinakothek und Lenbachhaus beherbergen so viele Werke, dass wir nicht nur ausreichend »bedient« wurden, sondern bei mir meine wiederkehrende persönliche Gretchenfrage unmittelbar aufploppte, diesmal als Variation zu Marc: »Kann ich es heute noch furchtlos verantworten, eine Malerin zu sein?«
Diese Bilderfülle! Immerhin kann man im Lenbachhaus auf die in der Alten Pinakothek in vielen Sälen praktizierte Petersburger Hängung verzichten, dafür sind es hier die theoretischen Konzepte und Grundlagen, die die Künstlerinnen und Künstler des Blauen Reiters ihren gerahmten Werken vor- und beigeordnet haben, die alles nur Denk- und Fühlbare zum Thema Farben, Bildinhalten und Komposition zu enthalten scheinen. Wozu jemals noch einen Pinsel in die Hand nehmen? Taugen die vorrätigen Keilrahmen im Atelier nicht doch besser als Feuerholz? Wie gut, dass ich keinen Kaminofen habe, die Versuchung wäre (wie immer auch »im Mittelteil« meiner Gemälde) groß!

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