Me, myself and I

»Ich male mich, weil ich so oft allein bin und weil ich das Thema bin, das ich am besten kenne.«

Frida Kahlo (1907–1954)

42! In Worten: Zweiundvierzig… Angesichts dieser Zahl könnte ich in Versuchung geraten, niemals im Leben mehr meine eigene Person darzustellen, denn die-Antwort-auf-alles-viele Selbstporträts hat meine aktuelle Zählung im Atelier ergeben. Im Skizzenbuch, auf Leinwand, auf Packpapier, dazu eine Reihe von Teilstudien von Nase, Mund, Auge, Zähnen. Frontal, Halbprofil, mit Hilfe eines Spiegels sogar im Profil, Kopfbild, Brustbild, Ganzkörperdarstellung, mit und ohne Kleidung – alles dabei.

Es scheint mir aufs Ganze doch reichlich wenig, wenn man die Zeitspanne von 42 Jahren (ja, wirklich!) vom ersten bis zum bislang letzten Alexandra-Bildnis in meinem Werk bedenkt. Im Schnitt ein einziges pro Jahr? Vielleicht ist diese ganze Statistik dann doch geschummelt, bestimmt habe ich Fehlversuche und unschöne Ergebnisse jeweils zeitnah vernichtet, auch wenn ich mich konkret nicht erinnere? Eventuell nehme ich mich gar nicht so wichtig? Vielleicht war ich auch einfach nicht so oft allein, wie Frida Kahlo konstatiert? Bei dem, was ich bei der Sichtung so gefunden habe, stelle ich aber schon fest, dass ich manches Mal recht schonungslos mit mir umgegangen bin. Häufig schaue ich mir müde, ernst und grübelnd aus dem Papier entgegen, was naturgemäß der notwendigen Künstlerinnen-Konzentration geschuldet sein mag. Zerrissen habe ich zumindest diese Porträts nicht, auch nicht diejenigen, die sich im kreativen Prozess von der realen Person entfernt zu haben scheinen.

In allen Arbeiten sehe ich aber einen Teil von mir – und viel mehr vom Innen als vom Außen. Für den Wiedererkennungswert »von außen«, also von anderen Betrachterinnen meiner selbst gibt es übrigens eine nicht unerhebliche Hürde: die deutliche Asymmetrie meines Gesichts! Was für mich präzise meine Physiognomie wiedergibt, sieht für Dritte schlicht schief aus – und dieses Adjektiv beschreibt exakt meine Nase. Heißt es »immer der Nase nach«, laufe ich im Kreis, und das gegen den Uhrzeigersinn. Dass das so ist, habe ich auch erst in der 12. Klasse im Kunstkurs, bei dem die Selbstdarstellung auf dem Lehrplan stand, gemeinsam mit meiner (großartigen!) Kunstlehrerin festgestellt. Versunken zeichnete ich mich selbst, als sie mir über die Schulter schaute und anmerkte: »Das stimmt aber so nicht, Alexandra! Die Nase ist ja ganz schief…« Als ich kleinlaut erwiderte, dass das aber den Tatsachen entspräche, schaute sie mit mir zusammen in den Spiegel und ihr entwich ein konsterniertes »Oh…!«

Sich über die Selfie-Manie der Neuzeit lustig zu machen, gehört genauso zum Common Sense wie die Selbstporträts anerkannter Künstlerinnen und Künstler abzufeiern, sei es im Feuilleton oder online. Dabei dienten eine ganze Reihe der im kollektiven Gedächtnis sofort abrufbaren berühmten gemalten Selfies genauso wie die mit dem Smartphone festgehaltenen der Selbstdarstellung, der Werbung für die eigene Person oder für die exorbitanten Fähigkeiten als Maler oder Porträtistin. »Guck mal, wie wunderbar ich Faltenwurf darstellen kann! Und erst der Pelz, der Schmuck, was muss ich für einen Erfolg am Kunstmarkt haben… Lass dich von mir malen, ich bin die erste Adresse, ich empfehle mich!«

O. K., diese Zusammenfassung ist ungenau und unzutreffend bis unfair, gerade Künstlerinnen wie Frida Kahlo, Paula Modersohn-Becker oder Maria Lassnig gegenüber. Sie sind nur drei Beispiele für tiefergehende Beweggründe der malerischen Selbsterforschung, und in so einem Blog fehlt der Platz (und letztendlich mir die fundierte Kenntnis), um diese Thematik umfänglich darzustellen. Ganz davon abgesehen gibt es dazu wirklich tolle Bücher, z. B. »Wie ich mich sehe« von Frances Borzello, die sich speziell mit weiblichen Selbstporträts auseinandersetzt. Spannend finde ich weiterhin die zugeordneten Accessoires oder den Raum, in dem sich ein Künstler darstellt, so dass die Kontextualisierung unerwartete Aussagen über die Person treffen oder Assoziationen wecken kann.

Einigermaßen kompetent Auskunft geben kann ich nur über meine eigene Motivation, mich selbst zum Bildgegenstand zu machen, und es könnte eine der folgenden, höchst ungeordneten Möglichkeiten gewesen sein: Ich bin ein Modell, das zuverlässig still hält. Mein nächster Auftrag stresst mich – zeichne ich mich erstmal selbst. Oh, Haare schön heute! Impuls-Zeichnung als Motivation für andere in der Corona-Zeit, Langeweile, Beispielarbeit für einen Porträtkurs. Meine schönen blauen Augen, die ich zeitlebens immer am meisten mochte in meinem Gesicht. Übung, Übung, Übung im Laufe meines Studiums. Himmel, wie bekommt man denn nun eine Nase hin? Zu lange nichts mit der Hand gezeichnet, weil für Grafik-Aufträge immer nur am Rechner designt…

Was mir noch fehlt, ist eine Öl-Alexandra mit Palette an der Staffelei, das sähe ich gern von mir. Selbstvergewisserung und Manifestation, dass ich wirklich eine Künstlerin bin. Zur Realisierung komme ich wegen vielfältiger Projekte vorerst nicht, denn eine der oben genannten Möglichkeiten kenne ich so gar nicht mehr: die Langeweile! Allerdings habe ich auch noch kein Selbstporträt mit weißem Haar, das kann ich dann in Zukunft einmal zusammenführen. Ich bin jetzt schon neugierig, wie ich dann wohl aussehen mag, sowohl im Spiegel als auch auf der Leinwand!

»Die vier Jahreszeiten« von 2003. Vier Aspekte meiner Persönlichkeit, von zufrieden in-mir-ruhend bis melancholisch…

Schneeweißchen und Rosenrot

Die beiden Kinder hatten einander so lieb, daß sie sich immer an den Händen faßten, sooft sie zusammen ausgingen; und wenn Schneeweißchen sagte: »Wir wollen uns nicht verlassen« so antwortete Rosenrot: »Solange wir leben, nicht« und die Mutter setzte hinzu: »Was das eine hat, soll’s mit dem andern teilen.«

Brüder Grimm : »Schneeweißchen und Rosenrot«

Rot war für mich zeitlebens eine besondere Farbe, wie man ansatzweise meinem letzten Blogeintrag entnehmen kann. Meine Auseinandersetzung mit dem, das mit Abstufungen von Scharlach-, über Zinnober-, Krapp und Karmin- bis hin zum Blut- bezeichnet werden kann ist allerdings wesentlich vielschichtiger, als der vorangegangene Text ahnen lässt.

Für mich war Rot nicht vorgesehen. Zugewiesen wurde mir Blau, und wenn ich Glück hatte und mich der von Ferne geliebten Farbe weitmöglichst annähern konnte, war Orange »meins« – was für eine Kindheit in den 1970er Jahren eventuell gar nicht mal schlecht ist, wenn man bedenkt, dass Orange und Apfelgrün die bestimmenden Trendfarben waren?

Begründet war diese Einteilung schlicht damit, dass ich als Zweitgeborene eine knapp ein Jahr älter Schwester hatte und wir beide, der heutige Titel deutet es an, uns an den entgegengesetzten Enden der Familien-eigenen phänotypischen Variabilität befanden. Die Ältere war ganz klar »Rosenrot«, kam schon auf die Welt mit dunklen Locken und Augen, und als ich mich gute vierzehn Monate später dazugesellte, mochte meine Mutter nicht glauben, dass diese glatzköpfige weiße Made ebenfalls ihr Kind sein könnte.

Ich kann nicht sagen, wann mir zum ersten Mal pauschal bescheinigt wurde, mir (mit meinen blonden, glatten Haaren) stünde Blau viel besser und Rot sei nichts für mich. Aber ich erinnere mich, dass es, trotzdem es mich traurig machte, von mir umgehend akzeptiert wurde und die Ausdehnung auf Spielzeug und Gebrauchsgegenstände nur natürlich schien.

Grimms Märchen kannten wir nicht nur aus Büchern, sondern auch von Schallplatten, und die Verwandten zogen einhellig die Parallele zwischen den Märchenmädchen und ihren Kindern, Enkeltöchtern oder Nichten. Meine Identifikation damit wuchs derart, dass ich auch die von den Gebrüdern den Geschwistern zugeschriebenen Eigenschaften für mich adaptierte: »Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als Rosenrot. Rosenrot sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher, suchte Blumen und fing Sommervögel; Schneeweißchen aber saß daheim bei der Mutter, half ihr im Hauswesen oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war.« Diese Rollenverteilung erschien mir selbstverständlich, konnte meine grooooße Schwester doch viel besser sprechen als ich und kannte sich schon mit vielen Dingen aus! Und ich war fein raus, wenn ich mich mit meiner Schüchternheit wieder nicht raustraute, schließlich war Reden, Denken oder Entscheiden gar nicht mein Part.

Umso mehr staunte ich, als unsere Großtante es sich nicht nehmen ließ, uns »Mädchen« (so die familieninterne sprachliche Zusammenfassung) mit der Strickmaschine Kleider anzufertigen – mit rot-weiß-geringeltem Oberteil und rotem Rock! Herrlich, ich durfte Rot tragen! Und das auch noch mit »Verlängerung« – die Kleidchen dehnten sich eine ganze Zeit mit unserem Wachstum mit (um nicht den unschönen Begriff des Ausleierns zu verwenden, was es praktisch aber eher trifft) und ich hatte ja ohnehin stets die Kleidung meiner Schwester aufzutragen, wenn sie rausgewachsen war, also ging ich dann auch noch eine zweite Runde schick in Strick. Die Schminkköfferchen, die man uns zur Erstkommunion überreichte, kamen allerdings wie gewohnt in Rot für die große, in Orange für die kleine Schwester. (Exkurs: Wer kommt auf die Idee, zehn- bzw. neun-jährigen Mädchen so etwas zu schenken? Benutzt haben wir diese Objekte meines Erachtens beide niemals… zunächst waren wir reichlich zu jung, und als Teenager in den 80er Jahren dann in ganz anderer Richtung unterwegs, friedens- und frauenbewegt und Lichtjahre entfernt von MakeUp und Kosmetik!)

Schreiben konnte ich später über Rot, aber es in der Praxis anwenden? Fehlanzeige! Tatsächlich wurde mir erst im Studium bewusst, dass ich es bis dahin eher vermieden hatte, mit Rottönen zu arbeiten, so sehr hatte ich den Glaubenssatz verinnerlicht, dass meine farbliche Wellenlänge einfach bei 600 nm endet. Da Einsicht allerdings bekanntlich der erste Impuls für Veränderungen ist, habe ich mich schließlich darangemacht, meine Palette zu erweitern und kann heute verkünden, dass ich inzwischen sogar ein Lieblings-Rot habe: Krapprot, stofflich hergestellt von der Firma Schmincke (ja, genau so geschrieben und nicht im Köfferchen geliefert!) in der Reihe PrimAcryl liquid. Das ist mal ein Rot! Es entspricht vollkommen dem, was ich mir als Abiturientin in meiner Geschichte imaginierte, mit sämtlichen Eigenschaften. Satt, tief, leidenschaftlich, eindrücklich. Meine »Literatinnen« aus der »Alternative zum Geschirrspülen« sind dann konsequenterweise auch genau damit aufs Tuch gebracht, und so schließt sich ein weiterer Kreis.

Späte Einsicht: Rot steht mir wirklich überhaupt gar nicht – meiner Schwester hingegen ausgezeichnet! Ich bin meist unfarbig unterwegs, aber wenn es eine weitere Farbe in meinen Kleiderschrank oder an meinen Körper schafft, ist es ein Petrol- oder Türkis-Ton, »egalwas« zwischen Blau und Grün. Der Beleg dafür, dass manche Wünsche vorrangig daraus entstehen, dass man weiß, dass man etwas nicht haben kann. The grass is always greener on the other side!

Es bleibt mein Lieblingsbild von uns beiden, irgendwann im Sommer 1966… ich stelle mir vor, sie sagt gerade so etwas wie: »Schnell knipsen, ich kann sie nicht mehr halten!«

Statt eines Rückblicks

»Was für ein herrliches Leben hatte ich! Ich wünschte nur, ich hätte es früher bemerkt!«

Colette (1873–1954)

Heute räume ich meinem 19-jährigen Selbst einen Platz in meinem Blog ein. Ich habe ein Herz für diese ahnungslose Version von mir, die ich auf diese Weise einmal herzlich in den Arm nehmen möchte. Die frisch mit dem Schulabschluss ausgestattete junge Frau ahnte bereits, dass ihr Berufsweg in die Kunst führen könnte. Dementsprechend fiel der Text von 1985 für die Abi-Zeitung des Jahrgangs aus. Ich veröffentliche ihn (auch wenn es der heutigen Autorin schwer fällt) unredigiert mit allen Fehlern und Inkonsistenzen, allerdings übertragen in neue Rechtschreibung und unter Aufhebung der absoluten Kleinschreibung, der ich zu der Zeit anhing. Als ausgebildete Typografin weiß ich die Groß- und Kleinbuchstaben in der deutschen Sprache inzwischen sehr zu schätzen und finde es zudem im Sinne der Barrierefreiheit leichter lesbar.

Alexandra Weßling will sich nur an die guten Dinge erinnern – wenngleich viele gegenteilige Erfahrungen sie geprägt haben. All you need is Love!

Statt eines Rückblicks

Sonntag morgen, viertel nach acht. Ich sitze vor einem Blatt Papier, DIN A 4, holzfrei, unliniert. Auf dieses Blatt soll ein Artikel für die Abi-Zeitung, doch mein Kopf ist so leer wie dieses Papier vor mir. Was soll ich denn schreiben, etwa Erfreuliches und weniger Erfreuliches zur Schulzeit? Soll ich einen von Tränen durchtränkten Nachruf bringen auf Kurse und Lehrer? Endlich meinen aufgestauten Frust ablassen, weil ich nun frei bin? Schreiben: Es war alles in allem doch ganz schön, seufz!?

Mir fällt dazu nichts ein.

Ich beginne, auf dem leeren Blatt zu zeichnen. Nase, Mund – das sieht ja aus wie ich! – Ja, ich male mich.

Jetzt muss ich mir erst einmal Farben holen, Pinsel dazu und ich fange an… mit Schwarz. Damit ziehe ich die Konturlinien nach, die ich eben schon vorgezeichnet habe. Muss mich abgrenzen gegen den Hintergrund, mich profilieren. Aber ganz gelingt mir das nicht. Die Linien sind unterbrochen, keineswegs grade oder stetig – ich bin keine feste Form.

Da guckt mich nun mein Gesicht an und ich stelle fest, dass es mir wieder einmal nicht gelungen ist, auch nur das kleinste Lächeln in mein Gesicht zu malen. Aber so ernst bin ich doch gar nicht? Ich bin doch froh, weil ich im Begriffe bin, die neugewonnene Freiheit zu genießen…?

Das ändert nichts, das Gesicht bleibt ernst und verlangt nach Farbe.

Die Ringe unter meinen Augen, die ich nicht nur nach durchgemachten Nächten, sondern ewig und schon neunzehn Jahre lang habe, male ich in Grün-Braun-Lila. Mehrfarbig. Betont. Viele Schattierungen mit verschiedenen Ursachen.

Darüber meine Augen, die ich nicht nur aus Realitätstreue blau male, sondern weil mir der Spruch einfällt »etwas blauäugig sehen«, was bedeutet, naiv zu sein. Das passt auch auf mich, wenn ich daran denke, dass ich Menschen vertraute, die dieses Vertrauen überhaupt nicht verdienten und dies leider allzu deutlich bewiesen haben. Manchmal und gerade jetzt komme ich mir vor wie ein Kind, das mit großen blauen Augen die Welt betrachtet und nicht versteht.

Ich male meine Augen. Meine Augen, die groß gucken, die ich trotzdem allzu oft verschlossen hatte, nicht weit genug aufgemacht hatte, um wirklich sehen zu können. Meine Augen, die sich täuschen ließen von Fassade, Maske und Schminke – blaue Augen eben.

Bei meiner Nase muss ich mich nicht lange aufhalten – die ist und bleibt schief, da kann man mich ruhig von meiner Schokoladenseite fotografieren und aus der günstigsten Perspektive knipsen, es bleibt dabei. Vielen Leute fällt es auf, dass es da Asymmetrien gibt und ich weiß, dass vielen Leuten meine Nase nicht passt, doch ich male sie voller Stolz – schief! und denke: Trotzdem!! (Und wenn mal einer kommt, der sie mir zurechtrücken will, der soll sich an seine eigene Nase fassen!)

Damit wäre ich beim Mund angelangt. Den male ich geöffnet, muss dann aber auch die nicht ganz geraden Zähne malend erwähnen – Himmel – schon wieder asymmetrisch. Ist denn an mir gar nichts ebenmäßig???

Was aus diesem Mund herauskommt, darf der Betrachter selbst wählen, da ich mich weigere, Sprechblasen zu malen. Einige Betrachter werden ununterbrochenes Gequassel hören, andere werden sich dumme Bemerkungen dazu denken, jemand (oder jefrau!) wird mich dazu meckern hören, aber ich habe die Gewissheit, dass auch jemand dabei sein wird, der diesem Mund gern zuhört.

Die Haare male ich so dazu wie sie aussehen und beende mein Selbstportrait, auf dem ich nun viele Farben sehen kann: Schwarz »wie die Trauer« (da muss ich an viel Unmenschlichkeit denken), Grün »wie die Hoffnung« (hab‘ ich vielleicht, ich weiß aber gar nicht, für was), aber es fehlt (zum Glück) Gelb »wie der Neid« und… ja, Rot »wie die Liebe« fehlt!!!

Rot habe ich ganz vergessen! Um die Wichtigkeit dieser Farbe zu unterstreichen, male ich den ganzen Hintergrund mit saftigem, leuchtendem, triefendem, schreienden Rot zu. Welch ein Rot! Ein sinnliches, liebes, zugleich vertrautes Rot, ein altbekanntes und schmerzhaftes Rot, jetzt. So schön, dass mir schlecht wird, dieses wahnsinnige Rot aus dreizehn Jahren Schulzeit.

Dann lege ich den Pinsel aus der Hand und betrachte mein Bild lange. Dann, nach einer Weile, stehe ich auf, nehme den dicksten Pinsel aus dem Regal, gehe an den Tisch zurück, tauche den Pinsel in die Farbe, führe ihn über das Bild und streiche es sorgfältig genau, langsam und bedächtig mit roter Farbe zu.

Dieses rote Blatt werde ich mir an die Wand hängen und zuweilen betrachten, wenn ich einst, nach langen Jahren…

… und warum ich mir die Farbe Rot selbst erst »erobern« musste, verrate ich euch in Kürze.

Konsequent inkonsequent

»Jedes Wort hat Konsequenzen. Jedes Schweigen auch.« – Jean Paul Sartre

Lieber Herr Sartre, ist hier der Rückschluss angebracht: »Wie man’s macht, macht man es verkehrt?« Ich fürchte, der Mann reagiert nicht und ich muss mein eigenes Hirn benutzen, um Antworten zu finden. Mund halten und wegducken oder mutig voran, Parolen schmetternd… oder geht auch irgendwas dazwischen, wenn man mit entschiedenen Schritten auf dem Lebensweg vorangeht?

Heute wird’s ein bisschen persönlicher abseits der Kunst, denn ich habe Anlass zum Philosophieren. Das hängt mit einer Zahl zusammen, einer runden, schönen, mit vielen Teilern und Mustern, in die man sie optisch-künstlerisch zerlegen kann. Sie markiert mein Alter am heutigen Tag und für die nächsten 363. Danach folgt eine Primzahl und das hasse ich schon jetzt. Nicht nur, dass ich mich völlig irrational unwohl fühle, wenn mein Lebensalter derart unharmonisch beziffert ist – es ist dann auch das Alter, in dem meine Mutter verstarb. Eine imaginäre Hürde, seit Jahren, auf die ich blinzelnd durch die Finger schauend seit ein paar Jahren zusteuere, die zu überwinden ein Meilenstein für mich ist. Und da mache ich mir halt so meine Gedanken, wie viel mir persönlich noch bleibt von den von Oliver Burkeman optimistisch ausgelobten 4.000 Wochen, und ob ich sie gut genutzt haben werde?

Eine wiederkehrender Zweifel, der mich seit Studientagen begleitet (und jetzt landen wir doch bei der Kunst) betrifft die unüberschaubare Vielfalt meines Œuvres, was Themen, Technik, Wiedererkennungswert angeht. Schon in der Ausstellung zu meiner Zwischenprüfung fragte eine Kommilitonin lakonisch: »Wie viele Leute stellen hier eigentlich aus?« Konsequenz sieht anders aus… und das betrifft nicht nur das Endergebnis (wobei ich den Argwohn in Picassos Frage »Hat man jemals ein fertiges Bild gesehen?« teile), sondern auch den Musenkuss, der zufallsgesteuert entweder auf Stirn oder Herz gesetzt wird.

Die Pole, zwischen denen ich pendle: Auf der einen Seite der konzeptionelle, rationale Gedanke als Ergebnis einer intellektuellen Herangehensweise, auf der anderen die über mich hereinbrechende, ungesteuerte Emotion. Eines von beiden bildet immer die Grundlage für jede künstlerische Tätigkeit, und bei mir verquirlt sich das häufig zu einem unausweichlichen kreativen Strudel. Wenn ich dann auch noch die angewendeten Mittel sprunghaft von einem Werk zum anderen wechsle, miteinander mische und jedes Gemälde so aussieht, als könnte es von jemand anderem sein, ist das Chaos komplett. Eventuell ist da auch mein inneres Team am Werk, dass jedes Mal einer anderen Mitstreiterin den Vortritt an der Staffelei lässt?

Um mal wieder zu der runden Zahl zurückzukehren: genauso widersprüchlich sind meine Gedanken (intellektuell!) und Emotionen (instinktiv!) zu diesem Datum. Ich weiß, ich habe bei der Genlotterie auch ein bisschen Glück gehabt, bei dem, was in der Familie so unterwegs ist. Natürlich klopfe ich mir zuweilen auch selbst gönnerhaft auf die Schulter und denke, ich habe immerhin ein bisschen was für meine Gesundheit getan. Auch meine Geduld und Hartnäckigkeit in Sachen Beruf(ung) möchte ich mir in Schönschrift geschrieben hinter den Spiegel klemmen, weil ich weiß, dass manches hart erarbeitet werden musste. Dass ich mit meiner Mutter, die als Hobbykünstlerin in meiner Kindheit die künstlerischen Saiten in mir zum Klingen gebracht hat, bald gleichaltrig sein soll, erscheint mir vollkommen absurd.

Vielleicht kennt ihr den Abbinder meiner E-Mails: »Ich habe vor, mindestens hundert Jahre alt zu werden, um alle Ideen, die ich jetzt schon im Kopf habe, umsetzen zu können.« Als ich diese Signatur erstmals gesetzt hatte, habe ich mich selbst erschreckt und abergläubisch gefürchtet, dass diese Hybris mich sofort am nächsten Tag unter die Erde bringen würde. Kleiner Spoiler: Ist bis heute nicht passiert! In der Konsequenz kann ich also festhalten, dass ich ruhig Wünsche äußern, Pläne machen kann, das reine Aussprechen wird sie nicht konterkarieren. Ausgeklügelte Strategien enthalten trotzdem unendlich viele Punkte, an denen sie scheitern können oder sich wandeln müssen.

Als junge Frau habe ich mich immer nach der Weisheit des Alters gesehnt und konnte es zeitweise kaum erwarten, endlich allein aufgrund der Anzahl der Kerzen auf der Torte vom eingeweihten Kreis der sogenannten Erwachsenen anerkannt zu werden. Die Vorteile, die ich jetzt wahrnehme, hatte ich nicht vorhergesehen: Einerseits nimmt im persönlichen Bereich meine Gelassenheit zu, andererseits erhöht sich mit meiner steigenden Intoleranz gegenüber politischen Entwicklungen auch mein Mut, noch klarer Stellung zu beziehen. Omas gegen Rechts: Ich komme!

So werde ich also noch eine Weile voranschreiten, gut, dass ich nicht weiß, wie lang, wie weit, in welchem Zustand. Schön ist, dass so viele mit mir mitlaufen… ganz ausdauernd, ein kleines Stück oder »schon immer«. Manches Mal wurde mir ein Bein gestellt oder ich am Kragen festgehalten, aber immer mal wieder untergehakt, geschoben und sogar getragen. Ein dickes DANKE geht an meine Weggefährt*innen! ❤ Als konsequent inkonsequent zum Schluss sei genannt, dass ich mir den einzigen Satz, den ich mir in die Haut stechen würde, dann doch nie tätowieren lasse: »Life is what happens to you while you’re busy making other plans«, den John Lennon in seinem Song Beautiful Boy seinem Sohn Sean mit auf den Path of Life gegeben hat.

Lauft los und schaut, was sich hinter der nächsten Kurve auftut!

»Lebenszeichen« von 2000, Acryl auf Nessel. Von meinem sentimentalen blauen Auge bis zum Labyrinth des Lebens ist alles dabei. Vielleicht findet es am heutigen Abend neues Zuhause, denn es gehört zu den Werken, die bei der Feier in die Verlosung gehen.

»Lass‘ gehen, ich hab’s!«

»Die meisten Dummheiten in der Welt muss sich wahrscheinlich ein Gemälde in einem Museum anhören.«

Edmond Louis Antoine Huot de Goncourt (1822–1896)

Ich frage für eine Freundin: Gesetzt den Fall, der Herr hätte Recht – wäre das auf Museen beschränkt, oder gälte das für Ausstellungen aller Art – so auch die, bei denen Künstlerinnen meiner Gewichtsklasse ihre Werke zeigen? Dieser Blog soll keinesfalls in eine Handke-würdige Publikumsbeschimpfung ausarten, aber einige Sonderformen der Spezies Ausstellungsbesucher möchte ich doch gern näher betrachten. Mich aber im als olympische Disziplin chancenlosen Künstlerinnen-Volkssport zu betätigen, in den sozialen Medien leidige Selbst-Erfahrungen von Kunstschauen oder Märkten zu posten, wäre mir allerdings zu reizlos. Mich beschleicht längst das Gefühl, da schreibt der eine von der anderen ab, wenn ein Reel, eine Story oder ein schlichter Beitrag gute Klickzahlen hat, so sehr ähneln sich die Top-x (x = Zahl zwischen drei und zehn)-Listen der meistgehörten Sprüche, die bei diesen Veranstaltungen an die sensiblen Artistenohren gelangen.

Moment… das könnte dafür sprechen, dass das tatsächlich extrem oft vorkommt, dass jemand etwas flüstert wie: »Chantal, das kannst Du auch?« Ja, das habe ich auch schon gehört (vielleicht war es auch Hildegard)… aber dass jetzt jeder Kunsthandwerker, jede Goldschmiedin und jeder Bildhauer die gleiche »Idee« hat, derartige Listen zu veröffentichen, in denen die immer wiederkehrenden Floskeln durchdekliniert werden und einen selbst spätestens beim dritten Lesen langweilen, ist ein weiteres Phänomen der repetetiven digitalen Beschwerdekultur. Wir wissen es, bringt was Neues!

Ich schreibe dies selbstkritisch wie -ironisch deshalb, weil auch ich als heranreifende Präsentatorin meiner Kunst durch den Lernprozess einmal schmerzhaft hindurchgegangen bin, abwertende Bemerkungen, unverständige Reaktionen und erst recht das »ohne-zu-gucken-Weitergehen« ignorieren zu lernen. Das ist gerade zu Anfang eines künstlerischen Weges, an dem verlässlich die Kombination der in Deutschland verwendeten Verkehrschilder VZ 101 und VZ 1007-34 steht (Gefahrstelle, Straßenschäden) schwierig, sich negative Resonanz nicht zu Herzen zu nehmen. Eine einzige missmutige Miene konnte mich damals in erhebliche Selbstzweifel stürzen. Ganz bestimmt hatten vorher alle anderen, die meine Gemälde und Zeichnungen in irgendeiner Form gelobt hatten, konspirativ ihre Zeugenaussagen abgesprochen und hier kam die erschütternde Wahrheit ans Licht! Familie und Freunde? Hundertprozentig wohlwollend bis feige, voreingenommen oder harmoniesüchtig, verlogenes Pack! Die eigene Unfähigkeit spiegelte sich unwiederbringlich genau in diesem einen Gesicht, das war bestimmt eine Person mit exzellenter Expertise, die mir in aller Deutlichkeit die mangelnde Qualität meiner Kunst vor Augen führte.

Da der liebe Gott es weiterhin versäumt, mir keine Ohrenlider zu schenken (lebenslängliches Danke, Herr Tucholsky!), verfüge ich mittlerweile über einen reichen Zitatenschatz, der ungefragt in meine Gehörgänge spazierte, manchmal förmlich rannte oder flüsternd schlich. Oft dreht es sich dabei um eine per Ausschilderung freundlich formulierte Bitte, meine Arbeiten nur nach Anfrage zu fotografieren.

Dies gestatte ich gern, wenn eine plausible Begründung vorgetragen wird, z. B. dann, wenn eine Hobbykünstlerin sich an einer Kopie für sich selbst versuchen möchte. Sollte ich hingegen den Eindruck gewinnen, hier sind Schnäppchenjäger unterwegs, die sich auf eigene Faust einen Leinwanddruck anfertigen lassen möchten (direkt beim Drogerie-Discounter), verlasse ich mich auf mein Bauchgefühl und platziere ein nettes NEIN. Schließlich gehört das Anfertigen von Drucken in jedem Wunschformat zu meiner Angebotspalette. Mein Foto-Gebot umging ein Paar anlässlich der HeideKultour nicht wirklich geschickt: Der Mann lenkte mich nur vordergründig ab, während die Frau im Pavillon (von mir über seine Schulter hinweg beobachtet) das Gemälde, dessen Preis ihnen eben deutlich zu hoch erschien, gut ausgerichtet fotografierte. Die gezischte Bemerkung bei ihrer Rückkehr, die die heutige Schlagzeile bildet, kann man sich wirklich nicht ausdenken. Wie auch: »Gibt es das rostbraune Gemälde auch in Apricot?« oder »Ein Hochformat haben wir noch nie gehabt, da fangen wir jetzt nicht mit an!«, »Oha, was für eine Fleißarbeit!«, »Sind ihre Bilder alle so blau?« und da ich als Mehrwert fürs Publikum im Regelfall auch live male: »Na, mit dem Pinsel wird das garantiert nix!«

Ein weiteres Highlight ist die Anmerkung einer Nicht-Kundin auf einem Weihnachtsmarkt. In jungen Jahren nahm als ich als studierende Mutter jede Gelegenheit zur Aufbesserung des Haushaltseinkommens wahr und entwarf im Original speziell geformte Sterne, Engel und auch Windlichter mit Transparentpapier, die ich in nächtlicher Kinder-Schlafzeit in filigranem Cutter-Schnitt anfertigte. Ich betone (Tonpapier war auch im Spiel): Es war ein ungewöhnliches, eigenes Design – und diese Besucherin stellt sich hin und sagt mit wohlwollendem Kennerblick: »Ach, genau diese Windlichter habe ich auch schon mal nachgearbeitet. Waren mal in Mode.« Ja, ganz bestimmt… nicht.

Denn darauf kann man sich bei meinen Ausstellungen verlassen: was man sieht, ist das Resultat der Zusammenarbeit vom meinem Hirn und meiner Hand. Nur im Auftrag des Herrn (oder der Dame!), sprich: für Kund*innen kopiere ich gelegentlich unverfügbare (Meister-)Werke, vor Kurzem ein Gemälde, das wegen der schieren Ausmaße nicht im Flugzeug um die halbe Welt transportiert werden konnte. Selbstverständlich kennzeichne ich diese Arbeiten auch entsprechend. Als Kunst-Dienstleisterin gehört das im Alltag zum Service und erst recht und sehr gern für Menschen, die mir freundlich begegnen.

Habe ich jetzt genau das getan, was ich den Kolleg*innen vorwerfe – mich zu sehr beschwert? Das soll für heute nicht der letzte Lese-Eindruck sein, denn ein großartiger Vorteil des »Ältere-Künstlerin«-Werdens ist ja, dass die konstruktiven Gespräche, die inspirierenden Begegnungen und die positive Resonanz den unerfreulichen »Rest« spielend an die Stellwand drücken – auch wenn ich mir die Ohrenlider gelegentlich doch noch spontan wachsen lassen möchte.

Hier sieht man mich beim altonale Kunstmarkt 2016… Haare noch ein bisschen weniger weiß, Schürze noch sauberer, Koffeinbedarf unverändert, Foto-Gebot dito.