Stell dich nicht an, stell aus!

»Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.«

allgemein Karl Valentin (1882–1948) zugeschrieben

Vermutlich eines der am häufigsten zitierten Bonmots im Bereich der Kunst mit zweifelhafter Zuschreibung – aber weil es so gut passt, habe ich es wider besseres Wissen so an den Anfang gesetzt. Ein erster korrigierender Eingriff folgt trotzdem umgehend: Nicht die Kunst ist es, die »Arbeit« macht! Ich würde mich spontan zu der Behauptung versteigen wollen, dass, wer seine kreative Tätigkeit als Arbeit empfindet, leider, leider keine Kunst macht. Ohne weiteres Nachdenken und Herumfeilen lasse ich das hier zum Einstieg mal so stehen und empfehle die beste Definition zum Nachhören: Die »Ode an die Arbeit« von Wir sind Helden. Kleiner Text-Auszug:

»Also was das Schaf da mit dem Gras macht:
Keine Arbeit – Ach?
Was man später mit dem Schaf macht
Das ist Arbeit – Aha
Generell alles was Spass macht:
Keine Arbeit – Och
Generell was man im Gras macht
Keine Arbeit – Ach so«

Demnach kann meine Kunst keine Arbeit sein, weil die Produktion derselben mir auch im fünften Jahrzehnt meines Schaffens noch Spaß macht. Viel eher sind es meiner Meinung nach die flankierenden Maßnahmen, die nötig werden, um die eigene Kunst in Ausstellungen zu präsentieren, die mehr als hundertprozentig (wenn das denn ginge) die Bezeichnung ARBEIT verdienen, in VERSALIEN, fett, unterstrichen. Vor allem dann, wenn man wie ich und meine geliebten Mittelklasse-Mitkünstler*innen keine Lakaien, Entschuldigung: Mitarbeiter hat, die das alles für einen erledigen. Nachhaltig beeindruckt hat mich im Film Gerhard Richter painting eine Szene, in der der Meister nach langer Bildbetrachtung eine Riesen-Rakel entschlossen über die gigantischen, mit Ölfarbe bedeckten Leinwände zieht – um im Anschluss das bekleckerte Werkzeug, fast ohne hinzusehen, weil so gebannt vom Ergebnis des eigenen künstlerischen Expresszugs, auf einem Tisch hinter sich abzulegen und den Raum zu verlassen. In meiner Erinnerung dauert es nicht lange, bis ein junger Mann, aus dem Hintergrund kommend, sich dieses Arbeitsgeräts annimmt, um es zu säubern. In einer weiteren Szene sieht man Richter dann am nächsten Tag die gleichermaßen makel- wie farblose Rakel wieder zur Hand nehmen: Magic!

Unsereins stehen derart dienstbare Geister nicht zur Verfügung. Ich kann mich mehr als glücklich schätzen, in meinem besten Ehemann von allen einen qua Eheschließung verpflichteten Assistenten (Dokumentaristen, imaginären Fanclub-Leiter und Unterstützer in Krea-Tiefs) zu haben, der mir nicht nur in digitalen Dingen wie meiner Website eine immense Hilfe ist, sondern sich nach dem Motto »Support your local artist« (noch näher dran geht nicht!) auch im Bereich der für ihn weitaus weniger attraktiven analogen Kunst-Bewegung von A nach B betätigt.

Wenn gilt: A = (Keller + Dachboden) und B = (Gartenpavillons + Treppenhaus + Erdgeschoss), dann geht’s ja noch… Sollte A = Salzhausen zutreffen, während zeitgleich gilt: B = Hamburg (wahlweise Bedürfnisanstalt, altonale und… oder…), dann sieht die Sache schon anders aus – nämlich nach noch mehr Arbeit! Ich weiß es seit Langem: es ist der Sache wenig zuträglich, dass ich selbst mich beim Kunst-Einpacken genauso verhalte wie bei Urlaubsreisen: für jedes Wetter, alle Eventualitäten, jede modische Laune oder Tagesform wird in den Koffer gepresst, was eine Schließung desselben noch gerade so zulässt. Will heißen: Selbst wenn ich die örtlichen Gegebenheiten eines Ausstellungsraums kenne, möchte ich doch erst den Zusammenklang meiner Werke vor Ort sehen und auf mich wirken lassen, und dazu brauche ich, na klar: Auswahl! Das strapaziert nicht nur meinen Gatten, sondern auch das Fassungsvermögen unseres eigentlich nur für die Personenbeförderung vorgesehenen KfZs. Wenn sperriges Equipment wie Postkarten- und Grafikständer dazukommen, hilft auch kein Pressen: wir müssen zweimal fahren – oder dem hilfsbereiten Schwiegersohn eine Einladung zum Essen in Aussicht stellen. (Um ihm gerecht zu werden: Dieser macht es durchaus auch ohne und unaufgefordert…)

Die »Heimspiele« wie die jährlichen KunstWerkWege oder die HeideKultour bei denen ich regelmäßig nicht nur in meinem Dachatelier und in den dafür vorgesehenen Pavillons im großen Garten meine Arbeiten (Ha! also doch!) zeige, sondern auch Gästezimmer und Teile des Wohnraums umfunktioniere, inklusive der von mir so getauften »Merchandising-Zone« in der Diele, haben allerdings ihre eigenen Herausforderungen. Denn hier steht mir theoretisch mein gesamtes (noch nicht verkauftes) Œuvre zur Verfügung, das ich dann rauf und runter, hin und her und leider auch wieder zurück trage, um fürs Publikum ein weites, inspirierendes Spektrum zusammenzustellen. Das kann dauern! Hier werde ich paradoxerweise eher später fertig als frühzeitig, weil mir immer noch ein vergrabener Kunstschatz entgegenkommt, den ich unbedingt ans Licht der Öffentlichkeit heben möchte.

Zudem ist das Wandeln der privaten Räume in eine Galerie, und sei es auch nur für ein Wochenende, eine Maßnahme, die sehr viel Vertrauen erfordert. In meinen geliebten Mann, der stoisch erträgt, dass er nach dem Abzug der letzten Kunstfreunde seine mehr als verdiente, abendliche Sofa-Ruhe hinter Stellwänden finden muss, aber auch in die Besucher. Fotografieren sie wirklich nicht? Begutachten sie tatsächlich die als Ausstellungsobjekte deklarierten und so ausgeschilderten Gegenstände – oder luschern sie mal um die Ecke, was denn in der Küche liegengeblieben ist oder wie mein Büro, aus dem die Treppe zum Atelier aufsteigt, (des-)organisiert ist? Um wieder zum Anfang zurückzuspringen und an dieser Stelle einzuräumen: Natürlich ist meine Kunst eben auch Arbeit – im Sinne von: Beruf! (von Berufung gar nicht zu reden), und das reicht mit dem heimischen Atelier-Arbeitsplatz eben auch ins Private.

Ich finde aber: Sooo chaotisch bin ich gar nicht (zumal für eine Künstlerin!) – aber um Besucherinnen und Besucher ohne Einschränkungen einzulassen, muss man einfach mit dem Guten im Menschen kalkulieren. Aus meinem Hinterkopf schleicht sich gerade der Gedanke heran: Wer sich für Kunst interessiert, ist doch per se aufgeschlossen, weltoffen und freundlich? Nicht? Doch! Meine Erfahrungen jedenfalls sprechen dafür, auch wenn es wie bei allem im Leben Ausnahmen und Sonderfälle gibt. Auf diese einzugehen, würde die Länge dieses Blogbeitrags sprengen, weshalb Teil 2 & 3 zum Ausstellen in Kürze folgen, denn auch in dieser Hinsicht können einige Schätze zu Tage gefördert werden.

Achtung, Lerngefahr: Gern diene ich als falsch-wiedergebende Wiederholungstäterin, die ich das Eingangszitat häufiger leidenden Malschülern zur Aufmunterung nahebrachte, der Aufklärung: Der Ausspruch hat immerhin ein bisschen mit Karl Valentin zu tun – es ist ein Dialog aus einem Film, in dem er mitspielte (verbürgt, ich habe mir den Ausschnitt angesehen). Schön, dass das geklärt ist! Ich werde es vermutlich weiterhin bei passender Gelegenheit, dann aber richtig, zitieren. Wer’s genau wissen will, schaut hier:

https://www.sueddeutsche.de/muenchen/streit-um-ein-zitat-von-valentin-oder-nicht-1.4168580

Mein Stand beim altonale-Kunstmarkt im Juni 2024

Papierpost

»Auch die wahrsten Briefe sind meiner Ansicht nach nur Leichen, sie bezeichnen ein ihnen einwohnend gewesenes Leben, und ob sie gleich dem Lebendigen ähnlich sehen, so ist doch der Moment ihres Lebens schon dahin.«

Karoline von Günderode (1780-1806)

Urlaubspostkarten schreibe ich nur noch mit schlechtem Gewissen, denn da steht häufig nichts wirklich Relevantes drauf. Die Leute wissen in der Regel vorher, dass ich weg bin, die Infos über den Ferienort fänden sie online sehr viel objektiver und obendrein trudeln die mehr oder weniger geschmackvollen Ansichten von Sehens-und Merkwürdigkeiten oft erst nach der eigenen Rückkehr ein.

Glückwünsche zum Geburtstag oder zu anderen Fest- und Feiertagen werden von etwas weniger Selbstvorwürfen begeleitet, kann ich doch den Anlass als so wichtig deklarieren, dass papierne Post, die in der realen Welt von einem Ort zum anderen transportiert werden muss, gerechtfertigt scheint. Drücke ich zudem damit nicht aus, dass die »beschriebene« Person mir immens wichtig ist, wenn meiner Schreiblust sogar Bäume zum Opfer fallen? Äußerlich anlasslose schriftliche Lebenszeichen verfasse ich sehr viel weniger als früher, aber es kommt doch vor, dass eine innere Regung, etwas Zwischenmenschliches zumeist, mich zum Schreiben bringt, und dann gibt es manchmal – auch seitenweise! – kein Halten mehr.

Eine schnelle Internetrecherche bei verschiedenen Instituten und Organisationen zeigt mir ein Ergebnis, welches ich als leidenschaftliche Handschreiberin mir naiv anders erhofft hatte: Wenn man für den Mailkontakt doch erst mindestens zwei Computer herstellen muss, meilenweit Glasfaserkabel durch die Landschaft legen, Satelliten ins All schicken… da muss doch ein mit dem Grundporto ausgestattetes, winziges Briefchen, höchstens 23,5 x 12,5 cm groß, nicht dicker als ein halber Zentimeter, unter 20 g schwer (und vor allem: nur in Rechteckform!) die umweltfreundlichere Alternative sein? Leider nein, egal wo ich schaue: Die CO2-Bilanz der Mail, so sie denn an eine einzelne Person geschickt und nicht als SPAM weltweit rausgehauen wird, ist immer besser als die einer stofflichen Nachricht mit ordentlich gestempelter Briefmarke (ja, auch dieser Vorgang fließt bestimmt in die Klimabilanz mit ein!). Ups. Was mache ich denn jetzt? Meine auch für dieses Jahr schon geplante individuelle Weihnachtspost canceln? Überhaupt: sind meine Argumente, diese zu verschicken, nicht aus vielerlei Gründen längst obsolet, so dass es auf die Umweltfrage gar nicht mehr ankommen sollte?

Um es einmal mehr mit Linus von den Peanuts zu sagen, der nach Einschreiten der Mutter dann doch Wachstifte von seiner Schwester zugeteilt bekommt und realisiert, dass er »Schwarz, Weiß und Grau« bekommen hat: *Seufz*. Was mache ich denn jetzt? Bewusst Mutter Erde schädigen und weiter fröhlich Papier und andere Ressourcen verbrauchen? Und das ist ja erst die Spitze des schmelzenden Eisbergs: was ist mit meiner Kunst, der immer noch analogen, deren vehemente Verfechterin ich vermutlich bis an mein Lebensende bleiben werde?

A propos: Oben zitierte Dichterin suchte eben jenes freiwillig aus enttäuschter Liebe, und das obwohl – so ist es der nicht unbedingt für durchgängige Zuverlässigkeit bekannten Quelle Wikipedia zu entnehmen – »manche« sie als Verfasserin der schönsten Liebesbriefe in deutscher Sprache bezeichnen. Schön vielleicht, dann aber doch nicht zielführend genug, um in einer erfüllten Paarbeziehung zu münden? Wie das Zitat zeigt, hatte sie selbst wie ich zumindest Zweifel an der Kunst des Briefeschreibens, wenn jedoch aus anderen Gründen.

Die von ihr bemängelte Inaktualität der Inhalte hat sich allerdings bis zum heutigen Tag erhalten. Im Gegensatz zu ihr habe ich im einundzwanzigsten Jahrhundert andere Möglichkeiten, die ich selbstredend zu schätzen weiß. Wenn ich zeitnah Informationen weitergeben möchte, dann ist die Mail routiniert in jeglichem privaten oder beruflichen Zusammenhang das Mittel der Wahl, damit die Empfängerin nicht ewig auf simple Daten und Fakten zur Weiterverarbeitung warten muss. Flugs getippt, ebenso flott gesendet ist sie so effektiv wie (wie ich nun »leider« weiß) umweltfreundlich(er). Zugegeben: Noch besser wäre meine persönliche Bilanz, wenn ich nicht regelmäßig eine weitere Nachricht hinterherjagen müsste, weil ich den Anhang vergessen habe – aber ich arbeite dran, versprochen!

Woran mein sentimentales Schreiberinnen-Herz hängt: an der Unmittelbarkeit der persönlichen Handschrift (bitte wörtlich nehmen), die Gewissheit, ein Blatt in den Händen zu halten, das jemand für mich beschrieben, gefaltet und eingetütet, für das er oder sie sich Zeit genommen hat – was ich vielleicht vorab getan habe oder im Anschluss ebenso tun werde. Zusätzlich bietet sich die Möglichkeit, Zeichnungen einzufügen, die Zeilen mit typographischen Schlenkern und Experimenten anzureichern, die eine Wärme erzeugen, mit denen eine kalte Computerschrift nicht mitkommt. Ach Mensch, und ausgerechnet diese Wärme heizt jetzt unseren Planeten auf, verdammt!

Ich melde mich wieder, wenn ich einen Ausweg aus meinem kommunikativen Dilemma gefunden habe – für heute kann ich nur konstatieren, dass ich noch nicht ausreichend bereit bin, aufs Briefeschreiben komplett zu verzichten und schäme mich derweil ein bisschen. Andererseits: Was wäre uns entgangen, wären Literatinnen und Künstler wie Else Lasker Schüler (»Jussuf, Prinz von Theben«) und Franz Marc (der »Blaue Reiter« oder Fürst von Cana) schon im World Wide Web unterwegs gewesen? Hätte diese Poesie, hätten die wundervollen Zeichnungen auch als wechselseitige Postings funktioniert? Ich möchte das höflich anzweifeln…

Der abgebildete Postkasten aus Hamburg Ottensen hält mir mir gemeinsam tapfer durch und nimmt (noch) fleißig Post an. So beklebt, bemalt und ramponiert er auch aussehen mag – die Geburtstags-Gratulations-Dankeskarte (als Reaktion auf eine Mail, sorry!), die ich dort einsteckte, ist umgehend beim Empfänger angekommen. Ein Hoch auf die deutsche Post, so lange sie noch austrägt, bis wir das Post-Aufgeben aufgeben.

Der Postkasten in der Straße Bei der Reitbahn in Hamburg in voller Schönheit

Mein Weltbild

»Ich mach mir die Welt widde widde wie sie mir gefällt.«

Pippi Langstrumpf

Glücklich, wer ein festes Weltbild sein eigen nennen kann. Ich habe auch eines – mein bis zum heutigen Tage größtes Gemälde aus dem Jahr 2003, mit 1,50 m x 2 m zum-Aufhängen-grenzwertig-groß. Ob ich damit glücklich bin? Ganz gewiss nicht – denn am ursprünglichen Anlass dieses politischen Statements hat sich seit über zwanzig Jahren nichts geändert – auch wenn die Protagonisten zum Teil ausgetauscht, die Brennpunkte der kriegerischen Auseinandersetzungen regional verlagert worden sind.

Bei Ausstellung dieses Werks ist die Bedeutung des »eingefügten«, das Weltbild erst vollendenden Neugeborenen vielfach diskutiert worden. Ist der Platz, wo es hingehört, wirklich definiert und unabdingbar vorgesehen? Könnte es auch woanders platziert werden? Eine Interpretation war tatsächlich auch: Es wird direkt wieder herausgenommen aus dem Weltgeschehen…?

Meine Ursprungsidee resultierte aus der von mir empfundenen Absurdität der zeitgleich auf dieser Erde existierenden Geschehnisse. Repräsentiert werden diese durch zwanzig Ausschnitte von Abbildungen aus Zeitungen und Illustrierten, von der preisgekrönten Reportage-Fotografie bis zum banalen Werbefoto eines Reiseanbieters ist alles dabei. Heraus kommt ein passend-unpassendes Puzzle, bei dem die einzelnen Teile sich zwar von der Form her maßgeschneidert ineinanderfügen, aber doch isolierte Stücke ohne bildliche Verbindung bleiben. Der kleine Spielzeug-Feuerwehrmann steht machtlos unter dem lodernden Inferno eines Waldbrandes, die zelebrierte Tischkultur mit appetitlichem Brotkorb steht über der Notspeisung ausgemergelter Kinder auf dem afrikanischen Kontinent und der »Kampf« um den Titel des deutschen Superstars wird ausgetragen, während zeitgleich Gefangene in Guantanamo sich verzweifelt an ihre Kinder klammern.

Dass mit George W. Bush und Kofi Annan zwei schon von der Weltbühne mehr oder weniger abgetretene Aktive abgebildet sind, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich das Gemälde aktuell erneuern könnte und müsste… vielleicht fänden Donald Trump, Wladimir Putin oder António Guterres Eingang ins Werk, die Geiseln der Hamas, die Raketen über oder die sinnlose Zerstörung in der Ukraine, die weltweiten Überschwemmungen, plastikübersäte Strände und statt des unscheinbaren Hauses eines Kindermörders in der Ecke rechts unten die ebenso unspektakuläre Wohnung eines beliebigen Attentäters. Da hätte ich dann leider eine zunehmend reiche Auswahl, links- oder rechtsradikal, religiös fanatisch oder »lediglich« durch alle gesellschaftlichen Raster gefallen oder psychisch labil.

Leide ich an der Welt? Kurz und bündig: Ja. Lebe ich gern? Und wie! Wie soll man denn da nicht verzweifeln, dass an zu vielen Orten zu viele Menschen Fehlentscheidungen treffen, feindselig statt friedliebend sind und der Globus mit all seiner Vielfalt und Schönheit für sie eine vernachlässigbare Größe darstellt?

Im Idealfall macht Kunst aufmerksam, regt zum Nachdenken an und bringt Veränderungen auf den Weg. Als Hommage an ein bedeutsames Werk (wenn nicht gar das wichtigeste in dieser Hinsicht) habe ich als malerisches Zitat dann auch einen Teil von Picassos bahnbrechendem Anti-Kriegs-Monumentalgemälde »Guernica« von 1937 untergebracht. Auch wenn ich im Vergleich nur ein winzig kleines Licht auf diesem leuchtenden, brennenden Planeten bin, hoffe ich doch, dass es mir in meinem überschaubaren Umfeld gelingt, den einen oder anderen Gedanken in die Welt zu setzen und Dinge ins Rollen zu bringen. Deshalb war es für mich angesichts der Nachrichten (nicht nur) vom heutigen Tage ein logischer Schritt, dieses Weltbild einmal wieder hervorzuholen und inständig zu hoffen, dass es eines paradiesischen Tages überholt sein möge.

WELTBILD | 150 x 200, Acryl auf Baumwolle

Von links oben nach rechts unten: Verschleierte Frauen in Afghanistan; Kofi Annan, Generalsekretär der Vereinten Nationen und Friedensnobelpreiträger; ein auf Füllung wartender Einkaufswagen; Gefangener in Guantanamo; Teilnehmer der ersten Staffel von »DsdS«; Reportage-Foto aus dem Rotlichtviertel; Werbung für Babynahrung; Waldbrand in Kalifornien; Werbefoto für Backprodukte; Ausschnitt aus Pablo Picassos Gemälde »Guernica«, 1937; George W. Bush; toter Soldat im Irak; Produktwerbung für Playmobil; Pressefoto über die Arbeit von Hilfsorganisationen; Werbefoto eines Reiseanbieters; portugiesische Küste als iyllischer Reiseort; Shanghai als aufregender Reiseort; der Sitz der Vereinten Nationen; der »beste Freund des Menschen«; Foto aus einem Bericht über eines Kindermörder.

Hast Du ’nen »Stich«?

»Meine Lieblingsfarbe ist eigentlich Blau. Aber Blau ist nicht einfach zu malen.«

Michael Stich (*1968)

Prominente Menschen malen… Die deutsche Sprache erlaubt zweierlei Interpretationen: Aktiv oder Passiv – was kam Euch bei diesem Einstieg als Erstes in den Sinn? Ein pop-artiges Gemälde, das den inflationär portraitierten Johnny Depp zeigt – oder ein Werk von seiner oder eines anderen kunstschaffenden Prominenten Hand? Es gibt da ja so einige, die ihr ursprüngliches Handwerkszeug gegen Pinsel und Palette eingetauscht haben, so viele, dass ich sie hier nicht aufzählen kann… Der nicht nur neuerdings, sondern schon länger malende Tennisprofi aus dem Titel steht da nur repräsentativ, aber natürlich genau aus dem Grund: weil sein Name sich so schön für eine knackige Headline eignet. Es ist also möglich, einen veritablen Stich zu haben, ohne sich dafür schämen zu müssen. Und er selbst ist, um ihm gerecht zu werden, angenehm realistisch und bescheiden in der Einschätzung seiner künstlerischen Ambitionen.

Beide Auslegungen beschäftigen mich schon lange, sowohl die Darstellung von Stars als auch Werke von schwankender Güte aus deren vermutlich mit besseren Materialien ausgestatteten Ateliers als es die künstlerischen Fähigkeiten oft hergeben. In meinem letzten Beitrag erwähnte ich die Aura des Original-Kunstwerks – und die greift offensichtlich auch besonders dann, wenn die Schöpferin des Gemäldes, der Erbauer einer Skulptur auf einem anderen Gebiet zu Weltruhm, oder meinetwegen eine Etage tiefer: zu nationaler Berühmtheit gelangt ist oder mindestens über eine solide Fanbase verfügt. Qualität ist Nebensache, wenn der Name klingt. Ehe ich in Verdacht gerate, hier eine Neiddebatte anzuzetteln: ich versteh´s ja! Ein Werk von Wolfgang Niedecken an meiner bescheidenen Wand wäre mir sehr viel wert … aber ups: der hat’s ja auch gelernt, schlechtes Beispiel. Beachtlich finde ich gleichermaßen das Œuvre von Armin Mueller-Stahl, der schon bevor er zum gefeierten Schauspieler wurde, zeichnete und malte, sich aber nicht traute, darauf eine berufliche Karriere aufzubauen, wie er in einem Interview verriet: »Ich dachte, dass etwas, das mir so leicht fiel, nicht viel wert sein könne.« Ein Understatement, von dem sich so manch anderer etwas abschneiden könnte.

An dieser Stelle bekenne ich also freimütig, dass ich die Werke eines mit Likör malenden Musikers maßlos überschätzt finde, wohingegen man jenen, der mit Ottifanten bekannt wurde, verkennen würde, wenn man ihn darauf reduzierte, denn dieser kann erheblich mehr – ist aber schon wieder ein schlechtes Beispiel, weil auch der ein Kunststudium vorzuweisen hat. Was ich allerdings honoriere, und das macht der von mir eben geschmähte Udo Lindenberg wie manch anderer Prominente ausgiebig: Er spendet häufig Werke für einen guten Zweck, und da kommen aufgrund seiner Beliebtheit und seinen flott hingehauenen Cartoon-artigen Bildern (das schafft was!) oft schöne Summen für karitative Zwecke zusammen, die von mir aus gern die Mittel heiligen …

Selbst George W. Bush ist nach seiner politischen Laufbahn unter die Kunstmaler gegangen und arbeitet sich tapfer im anspruchsvollsten Segment ab, der Portraitmalerei (das ist sie für mich jedenfalls, solange sie nicht auf hochvergrößerten Fotografien, die durchgepaust werden, beruht). Auf Fotos basiert zwar auch Bushs Werk – und Kritiker warfen ihm vor, dass es immer direkt das erste Bild sei, das bei einer Google-Suche von der jeweiligen Person aufploppt, das seinen Politiker-Portraits zugrundeliegt (Schuster, bleib bei deinen Leisten?) – aber definitiv hat er nicht durchgepaust. Betrachtet man nur das Bild von unserer ehemaligen Bundeskanzlerin: So weit abdriften kann ein Auge nicht, wenn man »Malen nach Zahlen« betreibt! Und zu seiner Verteidigung möchte ich anfügen: Ich finde, er macht Fortschritte. Seine später datierten Gemälde von Veteranen tragen schon eine geübtere Handschrift.

Bush Junior ist also ein Promi, der Promis malt, und damit die perfekte Überleitung zur Abteilung: Gemalte, gedruckte und gezeichnete Antlitze von Celebreties, natürlich längst in die Kunstgeschichte eingegangen durch Andy Warhol & Co., aber eine ertragreiche Sparte auch für unbekannte Portraitisten. Anders ist es nicht erklärbar, dass mich auf Veranstaltungen wie z. B. Hamburg zeigt Kunst an diversen Ständen in erwartbarer Regelmäßigkeit zahlreiche Popstars, Revoluzzer, immer wieder Frida Kahlo (!), Amy Winehouse und eben Johnny Depp anschauen. Deshalb nehme ich einfach mal an, dass sich das gut verkauft, auch wenn ich niemanden mit Keith Richards unter dem Arm habe herausspazieren sehen. (»Achtung, Achtung! Nachricht aus dem Glashaus: Wer hat denn hier selbst 60 berühmte Künstlerinnen, Musikerinnen und Literatinnen gemalt? Na…? Na…?« Erwischt!)

Nun ist für mich nach jahrelanger Planung und Vorbereitung endlich die Zeit gekommen, dem etwas entgegenzusetzen. Meine letzten »große« Gemäldeserie, deren erste Leinwände schon fertig im Atelier stehen, wird quasi ein Kommentar zum Promi-Painting sein. Mehr verrate ich an dieser Stelle noch nicht – aber ich hoffe, im Sommer 2025 so weit zu sein, dass 100UP! das Licht der Öffentlichkeit erblicken kann. Es beinhaltet »so ganz nebenbei« auch Statements zu künstlicher Intelligenz, dem Zwischenmenschlichen in unserer Gesellschaft und … Holla, das klingt ambitioniert! O. K. – ist es auch. Mal schauen, ob ich meinem eigenen Anspruch gerecht werde, denn definitiv werde ich mich spätestens bei der ersten Ausstellung der Serie an dem messen lassen müssen, was ich hier so von mir gebe. Ich bin schon selbst gespannt, wie das ausgeht!

Frida Kahlo aus meiner Serie Alternative zum Geschirrspülen, Acryl auf Geschirrtuch, aufgespannt auf Keilrahmen, 60 x 35 cm, 2009

Caspar David… ist nich‘!

»In jedem Bild gibt es einen leuchtenden Punkt. Der muss allein bleiben.«

Caspar David Friedrich (1774-1840)

Tja, das hab ich nun davon: Auch wenn die leuchtenden Punkte in Friedrichs Bildern derzeit definitiv nicht allein bleiben – in dieser Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle bleiben sie zumindest ohne mich!

Der Run auf die Eintrittskarten hat dazu geführt, dass alle Zeitfenster- und sonstige Tickets – auch in Kombination mit Michel-Besuch oder als Reise bei der Deutschen Bahn – komplett ausverkauft sind bis zum Ende der Ausstellungsdauer. Auf »Kleinanzeigen« (früher mit dem Präfix »ebay« versehen) ist der herausragende Punkt im Inserate-Eismeer unangefochten das Angebot, auch Karten tauschen zu können – gegen einen Auftritt Peter Wohllebens oder die Heimspiele von Werder Bremen! Ich bin mir unsicher, ob die Schnittmenge dieser Interessen breite Bevölkerungsschichten betrifft – aber man sollte nichts unversucht lassen auf dem Weg zum Kunstgenuss, den man gesehen haben muss!

Beispiel: Ich habe als Erwachsene sehr gern die Harry Potter-Bücher gelesen, auch im Original… aber: Spät! Sehr spät, später als alle anderen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, weil bei jedem Hype um egal-was bei mir nicht nur Alarmglocken klingeln, sondern sich zwischen mir und dem Must-have der Saison direkt eine gläserne Wand aufstellt. Küchenpsychologisch stufe ich diesen Reflex als Rudiment meiner teils kargen Kindheit ein. Kurz gehalten an Geldern und Gelegenheiten habe ich routinemäßig alles für blöd erklärt, was meine Klassenkameraden an (von mir heimlich ersehnten) Gütern offen zur Schau stellen konnten, vom eigenen Kassettenrecorder über Fahrräder bis hin zur angesagten Jeans mit weißem Paspelstreifen an der Seitennaht. Wenn ich so eine gehabt hätte, hätte mich das glatt über den Mangel an Ferienreisen oder Friseurbesuchen statt Schnitt von Mutti hinweggetröstet. Aber ich nehme hier schon wieder die falsche Kurve…

Ich habe mit den Jahren eine ausgeprägte Mainstream-Ausstellungsallergie entwickelt, weshalb ich zu eher absurden Zeiten derartige Events besuche, weil meine Neugier auf Kunst ja trotzdem besteht und es seltsam wäre, mich davon beeinträchtigen zu lassen, dass mehr Menschen das auch mögen. Aber diesmal war ich nicht schnell genug, da die »Kunst für eine neue Zeit« nicht ganz oben auf meiner Prioritätenliste stand. Nun fuchst es mich aber doch, dass ich draußen vor der Tür bin. Ich hätte »meine« Friedrichs, die ich regelmäßig in der Hamburger Kunsthalle besuche – Das Eismeer und Der Wanderer über dem Nebelmeer gern in größerem Zusammenhang gesehen. Es sind zwar nicht die einzigen Gemälde von seiner Hand, die zur ständigen Sammlung in Hamburg zählen, für mich aber die wichtigsten, schönsten, die ich tatsächlich jedes Mal aufsuche, wenn ich vor Ort bin. Vielleicht auch, weil ich sie von Jugend an studierte, im Wortsinne, mit Zeichenblock und Bleistift als Schülerin, mit Skizzenbuch und Graphit (!) als Studentin, Komposition nachspürend, Hell-Dunkel-Kontraste ermittelnd, voller Bewunderung für Lasuren, Farben und Maltechnik.

Aber: Es bleiben immerhin noch Dresden und Berlin, die einen Großteil der Gemälde ebenfalls noch in diesem Jahr zeigen werden. Ob es dort auch so voll werden wird? Denn selbst wenn man sich zu den vom Glück begünstigten Eintrittskartenbesitzerinnen zählen kann: Ein Durchdringen zu den Werken ist wohl schwierig bis unmöglich, allein vor einem Gemälde zu stehen gar undenkbar. Auf einschlägigen Bewertungsportalen und in sozialen Medien hagelt es gepfefferte Kritiken, von klaustrophobischen Anfällen bis zu olfaktorischer Belästigung wird den Besuchern offensichtlich alles geboten. Letztere Beeinträchtigungen sind beim inzwischen online zu absolvierenden 360°-Rundgang ausgeschlossen, und es sind keine Menschen zu sehen außer den in Gemälden und Zeichnungen dargestellten, herrlich! Außerdem verschafft die Kunsthalle mir zusätzlich das gute Gefühl, doch »dabei« zu sein, denn auch mein virtuelles Ticket heißt genau so und muss unter Angabe von Name und vollständiger Adresse gebucht und mit 0,00 € bezahlt werden. (Spenden hätte ich allerdings dürfen, die Freiheit wurde mir gelassen.)

Allein: es ist dann eben doch nicht das selbe, ich bin eine hoffnungslos analoge Person! Es ist wirklich toll gemacht, ich kann jedes einzelne Gemälde heranzoomen, Texte vergrößern, die Räumlichkeiten erkunden, Laufwege inklusive der Hängung nachvollziehen, alles prima im Prinzip. Doch schon während meines Studiums hat mich Walter Benjamins Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit sehr beschäftigt, und der Begriff der Aura eines Originals hängt mir seitdem immer nach. Vor Paul Klees Aquarellkasten z. B. ging ich schon beinahe in die Knie, da musste es noch nicht mal ein Kunstwerk sein! Die unmittelbare Nähe, die ich spüre, wenn ich vor einem Kunstobjekt stehe, mit dem Ding im gleichen Raum, mit einem Abstand, den die Schöpferin des Werks, der Urheber selbst gehabt haben mag – das berührt mich immer wieder. Pinselduktus, Beschaffenheit der Farbe und vieles mehr vermitteln sich zudem nie auf dem Bildschirm so wie mit der Nase so nah an der Leinwand, wie es die Museumsaufsicht erlaubt.

Traurig bin ich wirklich über jede Person, die sich durch die Friedrich-Ausstellung mühsam und gezwungermaßen schleppt, »weil man ja mal was in Kultur machen« muss, weil die Gruppenreise nun mal gebucht war, weil man mit der Partnerin den Deal gemacht hat: »Ich geh mit Dir zu Caspar David Friedrich, dafür kommst Du aber danach mit auf den Hamburger Dom!« Eh‘ Ihr sowas macht: Her mit dem Ticket zu mir!

Meine Hommage an den »Wanderer« habe ich übrigens in meinem Schlagzeilen-Projekt unterbringen können: Im Artikel ging es um einen Motorrad-Test im Gebirge – und ich musste nur eine Kleinigkeit hinzufügen, damit der Herr der Headline gerecht wird.