»Ich male mich, weil ich so oft allein bin und weil ich das Thema bin, das ich am besten kenne.«
Frida Kahlo (1907–1954)
42! In Worten: Zweiundvierzig… Angesichts dieser Zahl könnte ich in Versuchung geraten, niemals im Leben mehr meine eigene Person darzustellen, denn die-Antwort-auf-alles-viele Selbstporträts hat meine aktuelle Zählung im Atelier ergeben. Im Skizzenbuch, auf Leinwand, auf Packpapier, dazu eine Reihe von Teilstudien von Nase, Mund, Auge, Zähnen. Frontal, Halbprofil, mit Hilfe eines Spiegels sogar im Profil, Kopfbild, Brustbild, Ganzkörperdarstellung, mit und ohne Kleidung – alles dabei.
Es scheint mir aufs Ganze doch reichlich wenig, wenn man die Zeitspanne von 42 Jahren (ja, wirklich!) vom ersten bis zum bislang letzten Alexandra-Bildnis in meinem Werk bedenkt. Im Schnitt ein einziges pro Jahr? Vielleicht ist diese ganze Statistik dann doch geschummelt, bestimmt habe ich Fehlversuche und unschöne Ergebnisse jeweils zeitnah vernichtet, auch wenn ich mich konkret nicht erinnere? Eventuell nehme ich mich gar nicht so wichtig? Vielleicht war ich auch einfach nicht so oft allein, wie Frida Kahlo konstatiert? Bei dem, was ich bei der Sichtung so gefunden habe, stelle ich aber schon fest, dass ich manches Mal recht schonungslos mit mir umgegangen bin. Häufig schaue ich mir müde, ernst und grübelnd aus dem Papier entgegen, was naturgemäß der notwendigen Künstlerinnen-Konzentration geschuldet sein mag. Zerrissen habe ich zumindest diese Porträts nicht, auch nicht diejenigen, die sich im kreativen Prozess von der realen Person entfernt zu haben scheinen.
In allen Arbeiten sehe ich aber einen Teil von mir – und viel mehr vom Innen als vom Außen. Für den Wiedererkennungswert »von außen«, also von anderen Betrachterinnen meiner selbst gibt es übrigens eine nicht unerhebliche Hürde: die deutliche Asymmetrie meines Gesichts! Was für mich präzise meine Physiognomie wiedergibt, sieht für Dritte schlicht schief aus – und dieses Adjektiv beschreibt exakt meine Nase. Heißt es »immer der Nase nach«, laufe ich im Kreis, und das gegen den Uhrzeigersinn. Dass das so ist, habe ich auch erst in der 12. Klasse im Kunstkurs, bei dem die Selbstdarstellung auf dem Lehrplan stand, gemeinsam mit meiner (großartigen!) Kunstlehrerin festgestellt. Versunken zeichnete ich mich selbst, als sie mir über die Schulter schaute und anmerkte: »Das stimmt aber so nicht, Alexandra! Die Nase ist ja ganz schief…« Als ich kleinlaut erwiderte, dass das aber den Tatsachen entspräche, schaute sie mit mir zusammen in den Spiegel und ihr entwich ein konsterniertes »Oh…!«
Sich über die Selfie-Manie der Neuzeit lustig zu machen, gehört genauso zum Common Sense wie die Selbstporträts anerkannter Künstlerinnen und Künstler abzufeiern, sei es im Feuilleton oder online. Dabei dienten eine ganze Reihe der im kollektiven Gedächtnis sofort abrufbaren berühmten gemalten Selfies genauso wie die mit dem Smartphone festgehaltenen der Selbstdarstellung, der Werbung für die eigene Person oder für die exorbitanten Fähigkeiten als Maler oder Porträtistin. »Guck mal, wie wunderbar ich Faltenwurf darstellen kann! Und erst der Pelz, der Schmuck, was muss ich für einen Erfolg am Kunstmarkt haben… Lass dich von mir malen, ich bin die erste Adresse, ich empfehle mich!«
O. K., diese Zusammenfassung ist ungenau und unzutreffend bis unfair, gerade Künstlerinnen wie Frida Kahlo, Paula Modersohn-Becker oder Maria Lassnig gegenüber. Sie sind nur drei Beispiele für tiefergehende Beweggründe der malerischen Selbsterforschung, und in so einem Blog fehlt der Platz (und letztendlich mir die fundierte Kenntnis), um diese Thematik umfänglich darzustellen. Ganz davon abgesehen gibt es dazu wirklich tolle Bücher, z. B. »Wie ich mich sehe« von Frances Borzello, die sich speziell mit weiblichen Selbstporträts auseinandersetzt. Spannend finde ich weiterhin die zugeordneten Accessoires oder den Raum, in dem sich ein Künstler darstellt, so dass die Kontextualisierung unerwartete Aussagen über die Person treffen oder Assoziationen wecken kann.
Einigermaßen kompetent Auskunft geben kann ich nur über meine eigene Motivation, mich selbst zum Bildgegenstand zu machen, und es könnte eine der folgenden, höchst ungeordneten Möglichkeiten gewesen sein: Ich bin ein Modell, das zuverlässig still hält. Mein nächster Auftrag stresst mich – zeichne ich mich erstmal selbst. Oh, Haare schön heute! Impuls-Zeichnung als Motivation für andere in der Corona-Zeit, Langeweile, Beispielarbeit für einen Porträtkurs. Meine schönen blauen Augen, die ich zeitlebens immer am meisten mochte in meinem Gesicht. Übung, Übung, Übung im Laufe meines Studiums. Himmel, wie bekommt man denn nun eine Nase hin? Zu lange nichts mit der Hand gezeichnet, weil für Grafik-Aufträge immer nur am Rechner designt…
Was mir noch fehlt, ist eine Öl-Alexandra mit Palette an der Staffelei, das sähe ich gern von mir. Selbstvergewisserung und Manifestation, dass ich wirklich eine Künstlerin bin. Zur Realisierung komme ich wegen vielfältiger Projekte vorerst nicht, denn eine der oben genannten Möglichkeiten kenne ich so gar nicht mehr: die Langeweile! Allerdings habe ich auch noch kein Selbstporträt mit weißem Haar, das kann ich dann in Zukunft einmal zusammenführen. Ich bin jetzt schon neugierig, wie ich dann wohl aussehen mag, sowohl im Spiegel als auch auf der Leinwand!

»Die vier Jahreszeiten« von 2003. Vier Aspekte meiner Persönlichkeit, von zufrieden in-mir-ruhend bis melancholisch…
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