Die beiden Kinder hatten einander so lieb, daß sie sich immer an den Händen faßten, sooft sie zusammen ausgingen; und wenn Schneeweißchen sagte: »Wir wollen uns nicht verlassen« so antwortete Rosenrot: »Solange wir leben, nicht« und die Mutter setzte hinzu: »Was das eine hat, soll’s mit dem andern teilen.«
Brüder Grimm : »Schneeweißchen und Rosenrot«
Rot war für mich zeitlebens eine besondere Farbe, wie man ansatzweise meinem letzten Blogeintrag entnehmen kann. Meine Auseinandersetzung mit dem, das mit Abstufungen von Scharlach-, über Zinnober-, Krapp und Karmin- bis hin zum Blut- bezeichnet werden kann ist allerdings wesentlich vielschichtiger, als der vorangegangene Text ahnen lässt.
Für mich war Rot nicht vorgesehen. Zugewiesen wurde mir Blau, und wenn ich Glück hatte und mich der von Ferne geliebten Farbe weitmöglichst annähern konnte, war Orange »meins« – was für eine Kindheit in den 1970er Jahren eventuell gar nicht mal schlecht ist, wenn man bedenkt, dass Orange und Apfelgrün die bestimmenden Trendfarben waren?
Begründet war diese Einteilung schlicht damit, dass ich als Zweitgeborene eine knapp ein Jahr älter Schwester hatte und wir beide, der heutige Titel deutet es an, uns an den entgegengesetzten Enden der Familien-eigenen phänotypischen Variabilität befanden. Die Ältere war ganz klar »Rosenrot«, kam schon auf die Welt mit dunklen Locken und Augen, und als ich mich gute vierzehn Monate später dazugesellte, mochte meine Mutter nicht glauben, dass diese glatzköpfige weiße Made ebenfalls ihr Kind sein könnte.
Ich kann nicht sagen, wann mir zum ersten Mal pauschal bescheinigt wurde, mir (mit meinen blonden, glatten Haaren) stünde Blau viel besser und Rot sei nichts für mich. Aber ich erinnere mich, dass es, trotzdem es mich traurig machte, von mir umgehend akzeptiert wurde und die Ausdehnung auf Spielzeug und Gebrauchsgegenstände nur natürlich schien.
Grimms Märchen kannten wir nicht nur aus Büchern, sondern auch von Schallplatten, und die Verwandten zogen einhellig die Parallele zwischen den Märchenmädchen und ihren Kindern, Enkeltöchtern oder Nichten. Meine Identifikation damit wuchs derart, dass ich auch die von den Gebrüdern den Geschwistern zugeschriebenen Eigenschaften für mich adaptierte: »Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als Rosenrot. Rosenrot sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher, suchte Blumen und fing Sommervögel; Schneeweißchen aber saß daheim bei der Mutter, half ihr im Hauswesen oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war.« Diese Rollenverteilung erschien mir selbstverständlich, konnte meine grooooße Schwester doch viel besser sprechen als ich und kannte sich schon mit vielen Dingen aus! Und ich war fein raus, wenn ich mich mit meiner Schüchternheit wieder nicht raustraute, schließlich war Reden, Denken oder Entscheiden gar nicht mein Part.
Umso mehr staunte ich, als unsere Großtante es sich nicht nehmen ließ, uns »Mädchen« (so die familieninterne sprachliche Zusammenfassung) mit der Strickmaschine Kleider anzufertigen – mit rot-weiß-geringeltem Oberteil und rotem Rock! Herrlich, ich durfte Rot tragen! Und das auch noch mit »Verlängerung« – die Kleidchen dehnten sich eine ganze Zeit mit unserem Wachstum mit (um nicht den unschönen Begriff des Ausleierns zu verwenden, was es praktisch aber eher trifft) und ich hatte ja ohnehin stets die Kleidung meiner Schwester aufzutragen, wenn sie rausgewachsen war, also ging ich dann auch noch eine zweite Runde schick in Strick. Die Schminkköfferchen, die man uns zur Erstkommunion überreichte, kamen allerdings wie gewohnt in Rot für die große, in Orange für die kleine Schwester. (Exkurs: Wer kommt auf die Idee, zehn- bzw. neun-jährigen Mädchen so etwas zu schenken? Benutzt haben wir diese Objekte meines Erachtens beide niemals… zunächst waren wir reichlich zu jung, und als Teenager in den 80er Jahren dann in ganz anderer Richtung unterwegs, friedens- und frauenbewegt und Lichtjahre entfernt von MakeUp und Kosmetik!)
Schreiben konnte ich später über Rot, aber es in der Praxis anwenden? Fehlanzeige! Tatsächlich wurde mir erst im Studium bewusst, dass ich es bis dahin eher vermieden hatte, mit Rottönen zu arbeiten, so sehr hatte ich den Glaubenssatz verinnerlicht, dass meine farbliche Wellenlänge einfach bei 600 nm endet. Da Einsicht allerdings bekanntlich der erste Impuls für Veränderungen ist, habe ich mich schließlich darangemacht, meine Palette zu erweitern und kann heute verkünden, dass ich inzwischen sogar ein Lieblings-Rot habe: Krapprot, stofflich hergestellt von der Firma Schmincke (ja, genau so geschrieben und nicht im Köfferchen geliefert!) in der Reihe PrimAcryl liquid. Das ist mal ein Rot! Es entspricht vollkommen dem, was ich mir als Abiturientin in meiner Geschichte imaginierte, mit sämtlichen Eigenschaften. Satt, tief, leidenschaftlich, eindrücklich. Meine »Literatinnen« aus der »Alternative zum Geschirrspülen« sind dann konsequenterweise auch genau damit aufs Tuch gebracht, und so schließt sich ein weiterer Kreis.
Späte Einsicht: Rot steht mir wirklich überhaupt gar nicht – meiner Schwester hingegen ausgezeichnet! Ich bin meist unfarbig unterwegs, aber wenn es eine weitere Farbe in meinen Kleiderschrank oder an meinen Körper schafft, ist es ein Petrol- oder Türkis-Ton, »egalwas« zwischen Blau und Grün. Der Beleg dafür, dass manche Wünsche vorrangig daraus entstehen, dass man weiß, dass man etwas nicht haben kann. The grass is always greener on the other side!

Es bleibt mein Lieblingsbild von uns beiden, irgendwann im Sommer 1966… ich stelle mir vor, sie sagt gerade so etwas wie: »Schnell knipsen, ich kann sie nicht mehr halten!«
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