»Was für ein herrliches Leben hatte ich! Ich wünschte nur, ich hätte es früher bemerkt!«
Colette (1873–1954)
Heute räume ich meinem 19-jährigen Selbst einen Platz in meinem Blog ein. Ich habe ein Herz für diese ahnungslose Version von mir, die ich auf diese Weise einmal herzlich in den Arm nehmen möchte. Die frisch mit dem Schulabschluss ausgestattete junge Frau ahnte bereits, dass ihr Berufsweg in die Kunst führen könnte. Dementsprechend fiel der Text von 1985 für die Abi-Zeitung des Jahrgangs aus. Ich veröffentliche ihn (auch wenn es der heutigen Autorin schwer fällt) unredigiert mit allen Fehlern und Inkonsistenzen, allerdings übertragen in neue Rechtschreibung und unter Aufhebung der absoluten Kleinschreibung, der ich zu der Zeit anhing. Als ausgebildete Typografin weiß ich die Groß- und Kleinbuchstaben in der deutschen Sprache inzwischen sehr zu schätzen und finde es zudem im Sinne der Barrierefreiheit leichter lesbar.
Alexandra Weßling will sich nur an die guten Dinge erinnern – wenngleich viele gegenteilige Erfahrungen sie geprägt haben. All you need is Love!
Statt eines Rückblicks
Sonntag morgen, viertel nach acht. Ich sitze vor einem Blatt Papier, DIN A 4, holzfrei, unliniert. Auf dieses Blatt soll ein Artikel für die Abi-Zeitung, doch mein Kopf ist so leer wie dieses Papier vor mir. Was soll ich denn schreiben, etwa Erfreuliches und weniger Erfreuliches zur Schulzeit? Soll ich einen von Tränen durchtränkten Nachruf bringen auf Kurse und Lehrer? Endlich meinen aufgestauten Frust ablassen, weil ich nun frei bin? Schreiben: Es war alles in allem doch ganz schön, seufz!?
Mir fällt dazu nichts ein.
Ich beginne, auf dem leeren Blatt zu zeichnen. Nase, Mund – das sieht ja aus wie ich! – Ja, ich male mich.
Jetzt muss ich mir erst einmal Farben holen, Pinsel dazu und ich fange an… mit Schwarz. Damit ziehe ich die Konturlinien nach, die ich eben schon vorgezeichnet habe. Muss mich abgrenzen gegen den Hintergrund, mich profilieren. Aber ganz gelingt mir das nicht. Die Linien sind unterbrochen, keineswegs grade oder stetig – ich bin keine feste Form.
Da guckt mich nun mein Gesicht an und ich stelle fest, dass es mir wieder einmal nicht gelungen ist, auch nur das kleinste Lächeln in mein Gesicht zu malen. Aber so ernst bin ich doch gar nicht? Ich bin doch froh, weil ich im Begriffe bin, die neugewonnene Freiheit zu genießen…?
Das ändert nichts, das Gesicht bleibt ernst und verlangt nach Farbe.
Die Ringe unter meinen Augen, die ich nicht nur nach durchgemachten Nächten, sondern ewig und schon neunzehn Jahre lang habe, male ich in Grün-Braun-Lila. Mehrfarbig. Betont. Viele Schattierungen mit verschiedenen Ursachen.
Darüber meine Augen, die ich nicht nur aus Realitätstreue blau male, sondern weil mir der Spruch einfällt »etwas blauäugig sehen«, was bedeutet, naiv zu sein. Das passt auch auf mich, wenn ich daran denke, dass ich Menschen vertraute, die dieses Vertrauen überhaupt nicht verdienten und dies leider allzu deutlich bewiesen haben. Manchmal und gerade jetzt komme ich mir vor wie ein Kind, das mit großen blauen Augen die Welt betrachtet und nicht versteht.
Ich male meine Augen. Meine Augen, die groß gucken, die ich trotzdem allzu oft verschlossen hatte, nicht weit genug aufgemacht hatte, um wirklich sehen zu können. Meine Augen, die sich täuschen ließen von Fassade, Maske und Schminke – blaue Augen eben.
Bei meiner Nase muss ich mich nicht lange aufhalten – die ist und bleibt schief, da kann man mich ruhig von meiner Schokoladenseite fotografieren und aus der günstigsten Perspektive knipsen, es bleibt dabei. Vielen Leute fällt es auf, dass es da Asymmetrien gibt und ich weiß, dass vielen Leuten meine Nase nicht passt, doch ich male sie voller Stolz – schief! und denke: Trotzdem!! (Und wenn mal einer kommt, der sie mir zurechtrücken will, der soll sich an seine eigene Nase fassen!)
Damit wäre ich beim Mund angelangt. Den male ich geöffnet, muss dann aber auch die nicht ganz geraden Zähne malend erwähnen – Himmel – schon wieder asymmetrisch. Ist denn an mir gar nichts ebenmäßig???
Was aus diesem Mund herauskommt, darf der Betrachter selbst wählen, da ich mich weigere, Sprechblasen zu malen. Einige Betrachter werden ununterbrochenes Gequassel hören, andere werden sich dumme Bemerkungen dazu denken, jemand (oder jefrau!) wird mich dazu meckern hören, aber ich habe die Gewissheit, dass auch jemand dabei sein wird, der diesem Mund gern zuhört.
Die Haare male ich so dazu wie sie aussehen und beende mein Selbstportrait, auf dem ich nun viele Farben sehen kann: Schwarz »wie die Trauer« (da muss ich an viel Unmenschlichkeit denken), Grün »wie die Hoffnung« (hab‘ ich vielleicht, ich weiß aber gar nicht, für was), aber es fehlt (zum Glück) Gelb »wie der Neid« und… ja, Rot »wie die Liebe« fehlt!!!
Rot habe ich ganz vergessen! Um die Wichtigkeit dieser Farbe zu unterstreichen, male ich den ganzen Hintergrund mit saftigem, leuchtendem, triefendem, schreienden Rot zu. Welch ein Rot! Ein sinnliches, liebes, zugleich vertrautes Rot, ein altbekanntes und schmerzhaftes Rot, jetzt. So schön, dass mir schlecht wird, dieses wahnsinnige Rot aus dreizehn Jahren Schulzeit.
Dann lege ich den Pinsel aus der Hand und betrachte mein Bild lange. Dann, nach einer Weile, stehe ich auf, nehme den dicksten Pinsel aus dem Regal, gehe an den Tisch zurück, tauche den Pinsel in die Farbe, führe ihn über das Bild und streiche es sorgfältig genau, langsam und bedächtig mit roter Farbe zu.
Dieses rote Blatt werde ich mir an die Wand hängen und zuweilen betrachten, wenn ich einst, nach langen Jahren…

… und warum ich mir die Farbe Rot selbst erst »erobern« musste, verrate ich euch in Kürze.
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