Konsequent inkonsequent

»Jedes Wort hat Konsequenzen. Jedes Schweigen auch.« – Jean Paul Sartre

Lieber Herr Sartre, ist hier der Rückschluss angebracht: »Wie man’s macht, macht man es verkehrt?« Ich fürchte, der Mann reagiert nicht und ich muss mein eigenes Hirn benutzen, um Antworten zu finden. Mund halten und wegducken oder mutig voran, Parolen schmetternd… oder geht auch irgendwas dazwischen, wenn man mit entschiedenen Schritten auf dem Lebensweg vorangeht?

Heute wird’s ein bisschen persönlicher abseits der Kunst, denn ich habe Anlass zum Philosophieren. Das hängt mit einer Zahl zusammen, einer runden, schönen, mit vielen Teilern und Mustern, in die man sie optisch-künstlerisch zerlegen kann. Sie markiert mein Alter am heutigen Tag und für die nächsten 363. Danach folgt eine Primzahl und das hasse ich schon jetzt. Nicht nur, dass ich mich völlig irrational unwohl fühle, wenn mein Lebensalter derart unharmonisch beziffert ist – es ist dann auch das Alter, in dem meine Mutter verstarb. Eine imaginäre Hürde, seit Jahren, auf die ich blinzelnd durch die Finger schauend seit ein paar Jahren zusteuere, die zu überwinden ein Meilenstein für mich ist. Und da mache ich mir halt so meine Gedanken, wie viel mir persönlich noch bleibt von den von Oliver Burkeman optimistisch ausgelobten 4.000 Wochen, und ob ich sie gut genutzt haben werde?

Eine wiederkehrender Zweifel, der mich seit Studientagen begleitet (und jetzt landen wir doch bei der Kunst) betrifft die unüberschaubare Vielfalt meines Œuvres, was Themen, Technik, Wiedererkennungswert angeht. Schon in der Ausstellung zu meiner Zwischenprüfung fragte eine Kommilitonin lakonisch: »Wie viele Leute stellen hier eigentlich aus?« Konsequenz sieht anders aus… und das betrifft nicht nur das Endergebnis (wobei ich den Argwohn in Picassos Frage »Hat man jemals ein fertiges Bild gesehen?« teile), sondern auch den Musenkuss, der zufallsgesteuert entweder auf Stirn oder Herz gesetzt wird.

Die Pole, zwischen denen ich pendle: Auf der einen Seite der konzeptionelle, rationale Gedanke als Ergebnis einer intellektuellen Herangehensweise, auf der anderen die über mich hereinbrechende, ungesteuerte Emotion. Eines von beiden bildet immer die Grundlage für jede künstlerische Tätigkeit, und bei mir verquirlt sich das häufig zu einem unausweichlichen kreativen Strudel. Wenn ich dann auch noch die angewendeten Mittel sprunghaft von einem Werk zum anderen wechsle, miteinander mische und jedes Gemälde so aussieht, als könnte es von jemand anderem sein, ist das Chaos komplett. Eventuell ist da auch mein inneres Team am Werk, dass jedes Mal einer anderen Mitstreiterin den Vortritt an der Staffelei lässt?

Um mal wieder zu der runden Zahl zurückzukehren: genauso widersprüchlich sind meine Gedanken (intellektuell!) und Emotionen (instinktiv!) zu diesem Datum. Ich weiß, ich habe bei der Genlotterie auch ein bisschen Glück gehabt, bei dem, was in der Familie so unterwegs ist. Natürlich klopfe ich mir zuweilen auch selbst gönnerhaft auf die Schulter und denke, ich habe immerhin ein bisschen was für meine Gesundheit getan. Auch meine Geduld und Hartnäckigkeit in Sachen Beruf(ung) möchte ich mir in Schönschrift geschrieben hinter den Spiegel klemmen, weil ich weiß, dass manches hart erarbeitet werden musste. Dass ich mit meiner Mutter, die als Hobbykünstlerin in meiner Kindheit die künstlerischen Saiten in mir zum Klingen gebracht hat, bald gleichaltrig sein soll, erscheint mir vollkommen absurd.

Vielleicht kennt ihr den Abbinder meiner E-Mails: »Ich habe vor, mindestens hundert Jahre alt zu werden, um alle Ideen, die ich jetzt schon im Kopf habe, umsetzen zu können.« Als ich diese Signatur erstmals gesetzt hatte, habe ich mich selbst erschreckt und abergläubisch gefürchtet, dass diese Hybris mich sofort am nächsten Tag unter die Erde bringen würde. Kleiner Spoiler: Ist bis heute nicht passiert! In der Konsequenz kann ich also festhalten, dass ich ruhig Wünsche äußern, Pläne machen kann, das reine Aussprechen wird sie nicht konterkarieren. Ausgeklügelte Strategien enthalten trotzdem unendlich viele Punkte, an denen sie scheitern können oder sich wandeln müssen.

Als junge Frau habe ich mich immer nach der Weisheit des Alters gesehnt und konnte es zeitweise kaum erwarten, endlich allein aufgrund der Anzahl der Kerzen auf der Torte vom eingeweihten Kreis der sogenannten Erwachsenen anerkannt zu werden. Die Vorteile, die ich jetzt wahrnehme, hatte ich nicht vorhergesehen: Einerseits nimmt im persönlichen Bereich meine Gelassenheit zu, andererseits erhöht sich mit meiner steigenden Intoleranz gegenüber politischen Entwicklungen auch mein Mut, noch klarer Stellung zu beziehen. Omas gegen Rechts: Ich komme!

So werde ich also noch eine Weile voranschreiten, gut, dass ich nicht weiß, wie lang, wie weit, in welchem Zustand. Schön ist, dass so viele mit mir mitlaufen… ganz ausdauernd, ein kleines Stück oder »schon immer«. Manches Mal wurde mir ein Bein gestellt oder ich am Kragen festgehalten, aber immer mal wieder untergehakt, geschoben und sogar getragen. Ein dickes DANKE geht an meine Weggefährt*innen! ❤ Als konsequent inkonsequent zum Schluss sei genannt, dass ich mir den einzigen Satz, den ich mir in die Haut stechen würde, dann doch nie tätowieren lasse: »Life is what happens to you while you’re busy making other plans«, den John Lennon in seinem Song Beautiful Boy seinem Sohn Sean mit auf den Path of Life gegeben hat.

Lauft los und schaut, was sich hinter der nächsten Kurve auftut!

»Lebenszeichen« von 2000, Acryl auf Nessel. Von meinem sentimentalen blauen Auge bis zum Labyrinth des Lebens ist alles dabei. Vielleicht findet es am heutigen Abend neues Zuhause, denn es gehört zu den Werken, die bei der Feier in die Verlosung gehen.


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