»Die meisten Dummheiten in der Welt muss sich wahrscheinlich ein Gemälde in einem Museum anhören.«
Edmond Louis Antoine Huot de Goncourt (1822–1896)
Ich frage für eine Freundin: Gesetzt den Fall, der Herr hätte Recht – wäre das auf Museen beschränkt, oder gälte das für Ausstellungen aller Art – so auch die, bei denen Künstlerinnen meiner Gewichtsklasse ihre Werke zeigen? Dieser Blog soll keinesfalls in eine Handke-würdige Publikumsbeschimpfung ausarten, aber einige Sonderformen der Spezies Ausstellungsbesucher möchte ich doch gern näher betrachten. Mich aber im als olympische Disziplin chancenlosen Künstlerinnen-Volkssport zu betätigen, in den sozialen Medien leidige Selbst-Erfahrungen von Kunstschauen oder Märkten zu posten, wäre mir allerdings zu reizlos. Mich beschleicht längst das Gefühl, da schreibt der eine von der anderen ab, wenn ein Reel, eine Story oder ein schlichter Beitrag gute Klickzahlen hat, so sehr ähneln sich die Top-x (x = Zahl zwischen drei und zehn)-Listen der meistgehörten Sprüche, die bei diesen Veranstaltungen an die sensiblen Artistenohren gelangen.
Moment… das könnte dafür sprechen, dass das tatsächlich extrem oft vorkommt, dass jemand etwas flüstert wie: »Chantal, das kannst Du auch?« Ja, das habe ich auch schon gehört (vielleicht war es auch Hildegard)… aber dass jetzt jeder Kunsthandwerker, jede Goldschmiedin und jeder Bildhauer die gleiche »Idee« hat, derartige Listen zu veröffentichen, in denen die immer wiederkehrenden Floskeln durchdekliniert werden und einen selbst spätestens beim dritten Lesen langweilen, ist ein weiteres Phänomen der repetetiven digitalen Beschwerdekultur. Wir wissen es, bringt was Neues!
Ich schreibe dies selbstkritisch wie -ironisch deshalb, weil auch ich als heranreifende Präsentatorin meiner Kunst durch den Lernprozess einmal schmerzhaft hindurchgegangen bin, abwertende Bemerkungen, unverständige Reaktionen und erst recht das »ohne-zu-gucken-Weitergehen« ignorieren zu lernen. Das ist gerade zu Anfang eines künstlerischen Weges, an dem verlässlich die Kombination der in Deutschland verwendeten Verkehrschilder VZ 101 und VZ 1007-34 steht (Gefahrstelle, Straßenschäden) schwierig, sich negative Resonanz nicht zu Herzen zu nehmen. Eine einzige missmutige Miene konnte mich damals in erhebliche Selbstzweifel stürzen. Ganz bestimmt hatten vorher alle anderen, die meine Gemälde und Zeichnungen in irgendeiner Form gelobt hatten, konspirativ ihre Zeugenaussagen abgesprochen und hier kam die erschütternde Wahrheit ans Licht! Familie und Freunde? Hundertprozentig wohlwollend bis feige, voreingenommen oder harmoniesüchtig, verlogenes Pack! Die eigene Unfähigkeit spiegelte sich unwiederbringlich genau in diesem einen Gesicht, das war bestimmt eine Person mit exzellenter Expertise, die mir in aller Deutlichkeit die mangelnde Qualität meiner Kunst vor Augen führte.
Da der liebe Gott es weiterhin versäumt, mir keine Ohrenlider zu schenken (lebenslängliches Danke, Herr Tucholsky!), verfüge ich mittlerweile über einen reichen Zitatenschatz, der ungefragt in meine Gehörgänge spazierte, manchmal förmlich rannte oder flüsternd schlich. Oft dreht es sich dabei um eine per Ausschilderung freundlich formulierte Bitte, meine Arbeiten nur nach Anfrage zu fotografieren.
Dies gestatte ich gern, wenn eine plausible Begründung vorgetragen wird, z. B. dann, wenn eine Hobbykünstlerin sich an einer Kopie für sich selbst versuchen möchte. Sollte ich hingegen den Eindruck gewinnen, hier sind Schnäppchenjäger unterwegs, die sich auf eigene Faust einen Leinwanddruck anfertigen lassen möchten (direkt beim Drogerie-Discounter), verlasse ich mich auf mein Bauchgefühl und platziere ein nettes NEIN. Schließlich gehört das Anfertigen von Drucken in jedem Wunschformat zu meiner Angebotspalette. Mein Foto-Gebot umging ein Paar anlässlich der HeideKultour nicht wirklich geschickt: Der Mann lenkte mich nur vordergründig ab, während die Frau im Pavillon (von mir über seine Schulter hinweg beobachtet) das Gemälde, dessen Preis ihnen eben deutlich zu hoch erschien, gut ausgerichtet fotografierte. Die gezischte Bemerkung bei ihrer Rückkehr, die die heutige Schlagzeile bildet, kann man sich wirklich nicht ausdenken. Wie auch: »Gibt es das rostbraune Gemälde auch in Apricot?« oder »Ein Hochformat haben wir noch nie gehabt, da fangen wir jetzt nicht mit an!«, »Oha, was für eine Fleißarbeit!«, »Sind ihre Bilder alle so blau?« und da ich als Mehrwert fürs Publikum im Regelfall auch live male: »Na, mit dem Pinsel wird das garantiert nix!«
Ein weiteres Highlight ist die Anmerkung einer Nicht-Kundin auf einem Weihnachtsmarkt. In jungen Jahren nahm als ich als studierende Mutter jede Gelegenheit zur Aufbesserung des Haushaltseinkommens wahr und entwarf im Original speziell geformte Sterne, Engel und auch Windlichter mit Transparentpapier, die ich in nächtlicher Kinder-Schlafzeit in filigranem Cutter-Schnitt anfertigte. Ich betone (Tonpapier war auch im Spiel): Es war ein ungewöhnliches, eigenes Design – und diese Besucherin stellt sich hin und sagt mit wohlwollendem Kennerblick: »Ach, genau diese Windlichter habe ich auch schon mal nachgearbeitet. Waren mal in Mode.« Ja, ganz bestimmt… nicht.
Denn darauf kann man sich bei meinen Ausstellungen verlassen: was man sieht, ist das Resultat der Zusammenarbeit vom meinem Hirn und meiner Hand. Nur im Auftrag des Herrn (oder der Dame!), sprich: für Kund*innen kopiere ich gelegentlich unverfügbare (Meister-)Werke, vor Kurzem ein Gemälde, das wegen der schieren Ausmaße nicht im Flugzeug um die halbe Welt transportiert werden konnte. Selbstverständlich kennzeichne ich diese Arbeiten auch entsprechend. Als Kunst-Dienstleisterin gehört das im Alltag zum Service und erst recht und sehr gern für Menschen, die mir freundlich begegnen.
Habe ich jetzt genau das getan, was ich den Kolleg*innen vorwerfe – mich zu sehr beschwert? Das soll für heute nicht der letzte Lese-Eindruck sein, denn ein großartiger Vorteil des »Ältere-Künstlerin«-Werdens ist ja, dass die konstruktiven Gespräche, die inspirierenden Begegnungen und die positive Resonanz den unerfreulichen »Rest« spielend an die Stellwand drücken – auch wenn ich mir die Ohrenlider gelegentlich doch noch spontan wachsen lassen möchte.

Hier sieht man mich beim altonale Kunstmarkt 2016… Haare noch ein bisschen weniger weiß, Schürze noch sauberer, Koffeinbedarf unverändert, Foto-Gebot dito.
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