»Zu jeder Kunst gehören zwei: einer der sie macht, und einer, der sie braucht. «
Ernst Barlach (1870–1938)
»Brauchen« ist so ein Begriff: Ab und an kommt jemand in meine Ausstellung spaziert mit dem konkreten Bedarf, eine bestimmte Wand bestücken, ein spezifisches Motiv erwerben zu wollen. Manchmal entsteht das Brauchen erst beim Anblick eines Gemäldes, nach dem Motto: Ich habe es vorher nicht gewusst, aber jetzt, da ich es gesehen habe, benötige ich es un-be-dingt! Die Titelzeile von heute, die mir ein Ehepaar vor ein paar Jahren »geschenkt« hat, könnte eine Ausrede gewesen sein – denn das gab dieses als Grund an, partout nichts Neues mehr erwerben zu können – weil ihnen im fortgeschrittenen Stadium eines Sammlerlebens kein Platz mehr zur Verfügung stünde. Ich hab’s gern und unumwunden geglaubt (allein schon, um dieses Adjektiv mal aus seiner Kettung ans Zugeben zu lösen!), meiner Menschenkenntnis trauend. Dafür war das vorangegangene Gespräch, die Nachfragen nach Technik, Intention und Inspiration einfach zu ausführlich, als dass das geheuchelt gewesen sein könnte. Zudem würde ich mir mit beständigem Misstrauen in die Menschheit doch nur selbst die Tage verderben, die ich von meiner Kunst umgeben verbringe?
Ausstellen macht Freude, wenn man sich auf die positiven Begegnungen, die freundlichen Menschen, die wirklich Interessierten fokussiert. Für das Gefühl, das mich bei einer Kunstschau zuweilen erfasst, ist der Begriff Demut nicht unangebracht: So viel nehmen die Leute also bei mir mit (auch wenn sie beim Weggang kein Bild unter dem Arm tragen)? Das haben sie in diesem Gemälde tatsächlich gesehen? Das Highlight ihres Tages soll tatsächlich meine Kunst gewesen sein? Die Gespräche mit den Betrachterinnen und Betrachtern eröffnen mir häufig ungeahnte Interpretationen und Perspektiven – wobei die Künstlerin sich stets davor hüten sollte, in der freien Arbeit allzu sehr dem Publikumsgeschmack hinterherzumalen. Das darf den Auftragsarbeiten vorbehalten bleiben, bei denen sich meine Kunden sicher sein dürfen, dass ich als Mal-Fee mit dem Zauberpinsel auch mehr als drei Wünsche erfüllen kann. Wenn sich hingegen jemand für meine seltsamsten, abseitigen Ideen erwärmen kann, die ich nach einem Blitz durchs Hirn umgesetzt habe, weil ich die Visualisierung zwingend gebraucht habe, dann geht mir das Herz auf und schnell entsteht ein ungeheuer inspirierender, seelenverwandter Austausch.
Ich stelle aus und es stellt sich ein: eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass ich machen darf, was ich tue. Das dickste DANKE gilt allerdings meinem zweifelnden Ich von vor beinahe vierzig, dreißig, zwanzig… Jahren. Ich bedanke mich bei allen Versionen meines Selbst fürs mutige über-den-Schatten-Springen, Durchhalten, Wahr-Nehmen, Sinnsuchen, Sinnfinden und Weitermachen.
Zwischenzeitlich war ich nämlich richtiggehend ausstellungsmüde. Inflationär gab es in meiner Wahrnehmung eine immer höhere Anzahl Kunsthandwerker- und Kunstmärkte, die mit einem hohen Faktor x multipliziert ein wahres Heer an Ausstellenden benötigte. Dank der Demokratisierung der Produktionsmittel können sich immer mehr Menschen der Herstellung von zwei- oder dreidimensionalen Kunstprodukten widmen. Ein Teil von mir findet das gut – die Freude am Kunst-Machen sollen doch möglichst viele haben können? Aber wenn alle hinter dem Tresen stehen, bleiben konsequenterweise nur noch wenige davor, die konkurrenzfrei gucken, sich freuen und kaufen? Letzteres ist letztlich, auch wenn wir das hehre Ideal von l’art pour l’art gern propagieren, für uns Berufskünstler ein entscheidender Punkt. Ohne finanziellen Input versiegt der künstlerische Output nicht unbedingt, aber der Wille, die Kunst vorzuzeigen, kann deutlich geschwächt werden. In meinem Kopf jedenfalls hat die positiv denkende Künstlerin die Pessimistin an die Hand genommen und permanent mitgeschleift, bis auch diese ein Durchhaltevermögen entwickelt hat. Letztere quengelt ab und an noch ein bisschen, aber die Optimistin gewinnt jedes Mal! Die ist echt gut in der Argumentation, das muss man ihr lassen!
Nach der Ausstellung ist vor der Ausstellung: Kunst ist nicht dafür da, im Keller zu verstauben! Ich bringe sie wieder ans Licht und zeitnah noch zielgerichteter unter die Leute. Da ich mich zukünftig (bis auf mein Porträt-Projekt) im Wesentlichen aufs illustratorische Kleinformat fokussieren werde, lasse ich die »große« Kunst (auf meine Kunden, Freunde, Follower) los… zum Teil zu kleinen Preisen, auch verlost, manchmal verschenkt und in jedem Fall mit viel Herzblut. Bleibt dran, da kommt noch was!

So kann meine Hauswand bei den Outdoor-Ausstellungen KunstWerkWege oder HeideKultour aussehen – im April garantiert anders, weil drei der abgebildeten Gemälde verkauft wurden und an anderen Wänden hängen.
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