»Mein Debüt in der Ölmalerei war sehr erfolgreich.«
Anders Zorn (1860–1920)
Oha, Neustart mit Wortspiel! Aber es lag so nah… und wer mich kennt weiß, dass mein assoziativ funkendes Hirn ständig an Worten und Wörtern hängenbleibt und so zuverlässig in unvorhergesehene Bahnen abdriftet, Leugnen zwecklos. Also bekenne ich mich doch gleich zum Start von 2026 einmal mehr mutig zu meinen Eigenheiten: Was immer ich neu, ANDERS oder besser machen könnte in diesem frisch aufgeblätterten Jahr – ich kann nur mit meinem eigenen Ich arbeiten, ein anderes habe ich nicht (und inzwischen habe ich es auch ganz schön gern).
Außerdem gibt es wirklich kaum etwas Besseres für eine Künstlerin, als mit den tief gehenden und hoch motivierenden Eindrücken einer Ausstellung ins neue Jahr zu starten – auch wenn sich das so formuliert deutlich nach Achterbahnfahrt anhört. Aber warum sollte das auch anders sein als 2025, nur weil ich den gefledderten Tages-Kunst-Kalender (heiße Empfehlung an der Stelle!) gegen das noch schwere, blockförmige Exemplar ausgetauscht habe?
Gegen Jahresende war – nicht sehr überraschend – viel los, aber nun habe ich es endlich in die aktuelle Ausstellung der Hamburger Kunsthalle geschafft. Ich erzähle mit-malenden Menschen nichts Neues, denn bestimmt geht es allen genauso: Die Betrachtung von Malerei löst einen reflexartigen Schaffensdrang aus! Direkt im ersten Saal, bei der Betrachtung des ersten Aquarells von Zorns Hand (Was, das ist wirklich ein Aquarell!? Mit gerade mal 20 Jahren gemalt!?) hatte ich den Impuls, sofort Richtung des eigenen Farbkastens zu laufen und die Pinsel zu schwingen. Heute ist die Anschaffung eines Aquarellkastens kein allzu großer oder gar unerfüllbarer Wunsch (allein ich habe schon fünf mit unterschiedlichen Farbpaletten bestückte). Zorn, der aus eher bescheidenen Verhältnissen stammte, musste nach eigener Auskunft tatsächlich erst eine Weile davon träumen, einen eigenen zu besitzen. Im Katalog zur Schau heißt es: »Als er sich diesen Wunsch erfüllte, erinnerte er sich an ›kaum einen glücklicheren Augenblick in meinem Leben‹, denn ›in diesem Kasten lagen ja alle Möglichkeiten‹.«
Ja, buchstäblich alle – wenn man denn das Material zu benutzen weiß. Wenn man offen ist für Experimente, Geduld hat fürs Üben, Frustrationstoleranz mitbringt bei misslungenen Ansätzen und Ideen für Motive, können diese mit ein wenig Fantasie angereichert Nie-Dagewesenes zeigen. Kein Algorithmus einer noch so gut trainierten KI kann das, was ein Maler, eine Künstlerin als Urheber*in eines Gemäldes zu schaffen in der Lage ist. Das versuche ich auch immer meinen Studierenden zu vermitteln: Ihr seid diejenigen, die vielleicht mal kopiert werden, aber nicht diejenigen, die plagiieren. Ihr schafft – wenn möglich – einzigartige Originale! (Darüber, dass man eine gute Idee häufig nicht allein hat, hatte ich ja, auf einem anderen Blatt sozusagen, schon geschrieben.)
Zorns beeindruckendes Œuvre ist sowohl malerisches Zeitzeugnis als auch Anknüpfungspunkt für Weiterentwicklungen zur Abstraktion. Seine Porträts, die Personen sehr sensibel einfangen und gleichzeitig malerisch in großen Schwüngen und Farbschlieren auslaufen, treffen bestimmt jeden ins Mark, der seiner Leidenschaft für Malerei auch praktisch nachgeht. Seine von weiter weg akribisch anmutenden Darstellungen lösen sich beim Näherkommen auf in den wildesten Duktus und ein Stakkato von nebeneinander gesetzten Farben… Ach, darüber können Kunsthistoriker sicher klüger und mit besseren Worten schreiben als ich, die ich eher von Emotionen überwältigt werde und stante pede den Wunsch verspüre, an meinen eigenen Fähigkeiten zu arbeiten und mich malerisch zu verbessern.
Mein »Debüt in der Ölmalerei« habe ich längst hinter mir, aber diese steht in erster Linie auf meinem Plan für dieses Jahr: Ich intensiviere die Arbeit an einem Projekt, für das ich eine ganze Reihe von Ölporträts malen werde, und dafür war dieser Zorn-Auftakt hundertprozentig passend. Meine hellseherischen Fähigkeiten sind unzureichend: Ich weiß natürlich nicht, was meine Pläne 2026 durchkreuzen will oder wird, ob ich 100 % geben kann oder mich mit weniger arrangieren muss. Aber »alle Möglichkeiten« sind ja da, für dieses Jahr, mein Projekt und für die Welt (so möchte ich es einfach hoffen).
Ganz optimistisch werde ich versuchen, etwas daraus zu machen! Und wenn es nicht ad hoc Kunst wird, dann doch Erfahrung, Spaß, ein konstruktives Miteinander mit meinen Kolleg*innen… und vermutlich und letztendlich: etwas NEUES!
Abb.: Ausstellungskatalog der Hamburger Kunsthalle, Hirmer Verlag, mit Ausschnitt aus dem Gemälde »Selbstporträt in Rot«, 1915, ©Zornmuseet, Mora
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